Heinrich Heine über Ludwig Börne. 131
freute sich kindisch, daß jemand gekommen sei, der den Mut zeige,so rücksichtslos gegen Goethe aufzutreten.
„Der Respekt," setzte er naiv hinzu, „ hat mich immer davonabg ehalten, dergleichen öffentlich auszusprechen. Der Menzel, derhat Mut, der ist ein ehrlicher Mann und ein Gelehrter; den müssenSie kennen lernen, an dem werden wir noch viele Freude erleben;der hat viel Courage, der ist ein grundehrlicher Mann und ein großerGelehrter! An dem Goethe ist gar nichts, er ist eine Memme, einserviler Schmeichler und ein Dilettant."
Ans dieses Thema kam er oft zurück; ich mußte ihm versprechen,in Stuttgart den Menzel zu besuchen und er schrieb mir gleich zudiesem BeHufe eine Einpfehlungskartc, und ich höre ihn noch eifrighinzusetzen: „Der hat Mut, außerordentlich viel Courage, der ist einbraver, grundehrlicher Mann und ein großer Gelehrter!"
Wie in seinen Äußerungen über Goethe, so auch in seiner Bc-urteilung anderer Schriftsteller, verriet Börne seine nazarenische Be-schränktheit. Ich sage unzarenisch, um mich weder des Ausdrucks„jüdisch" noch „christlich" zu bedienen, obgleich beide Ausdrücke fürmich synonym sind und von mir nicht gebraucht werden, um einenGlauben, sondern um ein Naturell zu bezeichnen. „Juden" und„Christen" sind für mich ganz sinnverwandte Worte, im Gegensatzzu „Hellenen", mit welchem Namen ich ebenfalls kein bestimmtesVolk, sondern eine sowohl angeborene als angebildete Geistesrichtuugund Anschauungsweise bezeichne. In dieser Beziehung möchte ichsagen: alle Menschen sind entweder Inden oder Hellenen, Menschenmit asketischen, bildfeindlichen, vergcistigungSsüchtigeu Trieben, oderMenschen von lebcusheiterem, entfaltungsstvlzem und realistischemWesen. So gab es Hellenen in deutschen Predigerfamilicn, undInden, die in Athen geboren und vielleicht von Theseus abstammen.Der Bart macht nicht den Juden, oder der Zopf macht nicht denChristen, kann man hier mit Recht sagen. Börne war ganz Naza-rcner, seine Antipathie gegen Goethe ging unmittelbar hervor ausseinem naznrenischcn Gemütc, seine spätere politische Exaltation warbegründet in jenem schroffen Asketismus, jenem Durst nach Martyr-ium, der überhaupt bei den Republikanern gefunden wird, den sierepublikanische Tugend nennen, und der von der Passionssucht derfrüheren Christen so wenig verschieden ist. In seiner späteren Zeitwendete sich Börne sogar zum historischen Christentinn, er sank fastin den Katholizismus, er fraternisierte mit dein Pfaffen Lainennaisund verfiel in den widerwärtigsten Kapuzinertvn, als er sich einstüber einen Nachfolger Goethes, einen Pantheisten von der heiterenObservanz, öffentlich aussprach. — Psychologisch merkwürdig ist dieUntersuchung, wie in Börnes Seele allmählich das eingeboreneChristentum emporstieg, nachdem es lange niedergehalten worden von
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