120 Novellistische Fragmente.
„Und auch der Zwerg ist tot, setzte ich hinzu.
Mvusieur Tiirlütü?' rief Laurencc, ebenfalls mit Freude.Aber diese Freude schwand allmählich nuS ihrem Gesichte, und miteinem mildereu, fast wehmütigen Tone sprach sie endlich: ,ArmerTürlütüp
„Als ich ihr nicht verhehlte, daß sich der Zwerg in seiner Sterbe-stunde sehr bitter über sie beklagt, geriet sie in die leidenschaftlichsteBewegung, und versicherte mir unter vielen Beteuerungen, daß siedie Absicht hatte, den Zwerg anfs beste zu versorgen, daß sie ihmein Jahrgehalt angebvtcn, wenn er still und bescheiden irgendwo inder Provinz leben wolle. .Aber ehrgeizig, wie er ist/ fuhr Lanrencefort, verlangte er, in Paris zu bleiben nnd sogar in meinem Hotelzu wohnen; er könne alsdann, meinte er, durch meine Vermittelungseilte ehemaligen Verbindungen im Faubvurg Saint Germain wiederanknüpfen, nnd seine frühere glanzende Stellung in der Gesellschaftwieder einnehmen. Als ich ihm dieses rund abschlug, ließ er mirsagen, ich sei ein verfluchtes Gespenst, ein Bamppr, ein Totcnkind ..
„Lanrence hielt Plötzlich inne, schauderte heftig zusammen, undseufzte endlich aus tiefster Brust: ,Ach, ich wollte, sie hätten michbei meiner Mutter im Grabe gelassen!' Als ich in sie drang, mirdiese geheimnisvollen Worte zu erklären, ergoß sich ein Strom vonThränen aus ihren Augen, und zitternd nnd schluchzend gestand siemir, daß die schwarze Trommelfrau, die sich für ihre Mutter aus-gegeben, ihr einst selbst erklärt habe, das Gerücht, womit man sichüber ihre Geburt herumtrage, sei kein bloßes Märchen. ,Jn derStadt nämlich, >vo wir wohnten/ fuhr Lanrence fort, /hieß manmich immer das Totenkind! Die alten Spinnweiber behaupteten,ich sei eigentlich die Tochter eines dortigen Grafen, der seine Fraubeständig mißhandelte und, als sie starb, sehr prachtvoll begrabenließ; sie sei aber hochschwanger und nur scheintot gewesen, und alseinige KirchhvfSdiebe, um die reichgeschmücktc Leiche zu bcstehlen, ihrGrab öffneten, hätten sie die Gräfin ganz lebendig und in KindcS-nöten gefunden; und als sie nach der Entbindung gleich verschied,hätten die Diebe sie wieder ruhig ins Grab gelegt und das Kindmitgenommen und ihrer Hehlerin, der Geliebten des großen Bauch-redners, zur Erziehung übergeben. Dieses arme Kind, das begrabengewesen, noch ehe es geboren worden, nannte man nun überall daSTotenkind . . . Ach! Sie begreifen nicht, wieviel Kummer ich schonals kleines Mädchen empfand, wenn man mich bei diesem Namennannte. Als der große Bauchredner noch lebte nnd nicht selten mitmir unzufrieden war, rief er immer': Verwünschtes Totenkind, ichwollt', ich hätte dich nie aus dem Grabe geholt! Ein geschickterBauchredner, wie er war, konnte er seine Stimme so modulieren,daß man glauben mußte, sie käme aus der Erde hervor, und er