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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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Florentinische Nächte. 119

des Kontinentalkaffees, welchen man aus Cichorien verfertigte, unddes schlechten Zuckers, den man aus Runkelrüben fabrizierte, undder Prinzen und Herzöge, die man ans gar nichts machte. Siehatte aber immer ihren Reiz, diese Zeit des pathetischen Materialis-mus . . . Talma deklamierte, Gros malte, die Bigottini tanzte,Grassini sang, Maury predigte, Novigo hatte die Polizei, der Kaiserlas den Ossian, Pauline Borghesc ließ sich montieren als Venns,und zwar ganz nackt, denn das Zimmer war gut geheizt, wie dasSchlafzimmer, worin ich mich mit Mademoiselle Lawrence befand.

Wir saßen am Kamin, vertraulich schwatzend, und seufzend er-zählte sie mir, daß sie verheiratet sei an einen bonapartischen Helden,der sie alle Abende vor dem Zubettgehen mit der Schilderung einerseiner Schlachten erquicke; er habe ihr vor einigen Tagen, che erabgereist, die Schlacht bei Jena geliefert; er sei sehr kränklich undwerde schwerlich den russischen Feldzug überleben. Als ich sie frng,wie lange ihr Vater tot sei, lachte sie und gestand, daß sie nie einenVater gekannt habe, und daß ihre sogenannte Mutter niemals ver-heiratet gewesen sei.

Nicht verheiratet! rief ich, ich habe sie ja selber zu Londonwegen dein Tod ihres Mannes in tiefster Traner gesehen!

,O,' erwiderte Lawrence, ,sie hat während zwölf Jahren sichimmer schwarz gekleidet, um bei den Leuten Mitleid zu erregen alsunglückliche Witwe, nebenbei auch, um ciuen heiratslustigen Gimpelanzulocken, und sie hoffte unter schwarzer Flagge desto schneller inden Hafen der Ehe zu gelangen. Aber nur der Tod erbarmte sichihrer, und sie starb an einem Biutsturz. Ich habe sie nie geliebt,denn sie hat mir immer viel Schlage und wenig zu essen gegeben.Ich wäre verhnngert, wenn mir nicht manchmal Monsieur Türlütiiein Stückchen Brot insgeheim zusteckte; aber der Zwerg verlangtedafür, daß ich ihn heirate, und als seine Hoffnungen scheiterten, ver-band er sich mit meiner Mutter, ich sage .Mutter' auS Gewohnheit,und beide quälten mich gemeinschaftlich. Da sagten sie immer, ichsei ein überflüssiges Geschöpf, der gelehrte Hnnd sei tausendmal mehrwert als ich mit meinem schlechten Tanzen, lind sie lobten dannden Hund auf meine Kosten, rühmten ihn bis in den Himmel,streichelten ihn, fütterten ihn mit Kuchen, und warfen mir dieKrumen zu. Der Hund, sagten sie, sei ihre beste Stütze, er entzückedas Publikum, das sich für mich nicht im mindesten interessiere, derHund müsse mich ernähren mit seiner Arbeit, ich fräße das Gnaden-brot des Hundes. Der verdammte Hund!'

O, verwünschen Sie ihn nicht mehr, unterbrach ich die Zürnende,er ist jetzt tot, ich habe ihn sterben sehen . . .

,Jst die Bestie verreckt?' rief Laurcnce, indem sie aufsprang,errötende Freude im ganzen Gesichte.