118 Novellistische Fragmente.
lange an mit einem unbeschreibbar geisterhaften Blick, krähte plötzlichwie ein Hahn, und verschied.
„Dieser Todesfall betrübte mich nm so mehr, da mir der Ver-storbene keine nähere Auskunft über Mademoisclle Laurcnce gegebenhatte. Wo sollte ich sie jetzt wiederfinden? Ich war weder verliebtin sie, noch fühlte ich sonstig große Zuneigung zu ihr, und dochstachelte mich eine geheimnisvolle Begier, sie überall zu suchen; wennich in irgend einen Salon getreten, und die Gesellschaft gemustert,und das wohlbekannte Gesicht nicht fand, dann verlor ich bald alleRuhe, und es trieb mich wieder von hinnen. Über dieses Gefühlnachdenkend, stand ich einst um Mitternacht an einem entlegenen Ein-gang der großen Oper, auf einen Wagen wartend, und sehr ver-drießlich wartend, da es eben stark regnete. Aber es kam kein Wagen,oder vielmehr es kamen nur Wagen, welche andern Leuten gehörten,die sich vergnügt hineinsetzten, und es wurde allmählich sehr einsamum mich her. ,So müssen Sie denn mit mir fahren/ sprach endlicheine Dame, die, tief verhüllt in ihrer schwarzen Mantille, ebenfallsharrend einige Zeit neben mir gestanden, und jetzt im Begriffe war,in einen Wagen zu steigen. Die Stimme zuckte mir durchs Herz,der wohlbekannte Seitenblick übte wieder seinen Zauber, und ich warwieder im Traume, als ich mich neben Madcmoiselle Lawrence ineinem weichen, warmen Wagen befand. Wir sprachen kein Wort,hätten auch einander nicht verstehen können, da der Wagen mitdröhnendem Geräusche durch die Straßen von Paris dähinrasselte,sehr lange, bis er endlich vor einem großen Thorwege still hielt.
„Bedienten in brillanter Livree leuchteten uns die Treppe hinaufund durch eine Reihe Gemächer. Eine Kammerfrau, die mit schläf-rigem Gesicht uns entgegen kam, stotterte unter vielen Entschul-digungen, daß nur im roten Zimmer eingeheizt sei. Indem sie derFrau einen Wink gab, sich zu entfernen, sprach Laurcnce mit Lachen:,Der Zufall führt Sie heute weit, nur in meinem Schlafzimmer isteingeheizt . . .'
„In diesem Schlafzimmer, worin wir uns bald allein befanden,loderte ein sehr gutes Kaminfeuer, welches um so ersprießlicher, dadas Zimmer ungeheuer groß und hoch war. Dieses große Schlaf-zimmer, dem vielmehr der Name Schlafsaal gebührte, hatte auchetwas sonderbar Ödes. Möbel und Dekoration, alles trug dort dasGepräge einer Zeit, deren Glanz uns jetzt so bestäubt und derenErhabenheit uns jetzt so nüchtern erscheint, daß ihre Reliquien beiuns ein gewisses Unbehagen, wo nicht gar ein geheimes Lächeln er-regen. Ich spreche nämlich von der Zeit des Empires, von der Zeitder goldenen Adler, der hochfliegenden Federbllsche, der griechischenCoiffuren, der Gloire, der großen Tambonrmajors, der militärischenMessen, der officiellen Unsterblichkeit, die der Moniteur dekretierte,