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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
117
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Florentinische Nächte, 117

jähriges kleines Mädchen saß neben ihm, und bewegte mit dein Fußdie Wiege, und sang in lachend schäkerndem Tone: .Schlaf, -vürlü-tüchen, schlafe!'

„Als der Kleine mich erblickte, öffnete er so weit als möglichseine gläsern blassen Augen, und ein wehmütiges Lächeln zucktenm seine weißen Lippen; er schien mich gleich wieder zu er-kennen, reichte mir sein vertrocknetes Händchen und röchelte leise:Alter Freund!

„Es war in der That ein betrnbsamer Zustand, worin ich denMann fand, der schon im achten Jahre mit Ludwig XVI. eine langeUnterredung gehalten, den der Zar Alexander mit Bonbons gefüttert,den die Prinzessin von Kyritz auf dem Schöße getragen, der auf denHunden des Herzogs von Brannschweig umhergeritten, dem der Königvon Bayern seine "Gedichte vorgelesen, der mit deutschen Fürsten ansderselben Pfeife geraucht, den der Papst vergöttert, und den Napoleonnie geliebt hatte! Dieser letztere Umstand bekümmerte den Unglück-lichen noch auf seinem Tvdbette oder, wie gesagt, in seiner Todes-wiege, und er weinte über daS tragische Schicksal des großen Kaisers,der ihn nie geliebt, der aber in einem so kläglichen Znstande aufSankt Helena geendet — .ganz wie ich jetzt endige/ setzte er hinzu,.einsam, verkannt, verlassen von allen Königen und Fürsten, einHohnbild ehemaliger Herrlichkeit!'

„Obgleich ich nicht begriff, wie ein Zwerg, der unter Riesenstirbt, sich mit dein Riesen, der unter den Zwergen gestorben, ver-gleichen konnte, so rührten mich doch die Worte des armen Türlütüund gar sein verlassener Zustand in der Sterbestunde, Ich konntenicht umhin, meine Verwunderung zu bezeigen, daß MademoisclleLawrence, die jetzt so vornehm geworden, sich nicht um ihn bekümmere.Kaum hatte ich aber diesen Namen genannt, so bekam der Zwergin der Wiege die furchtbarsten Krämpfe, und mit seinen weißenLippen wimmerte er: .Undankbares Kind! das ich anfcrzvgen, dasich zu meiner Gattin erheben wollte, dem ich gelehrt, wie man sichunter den Großen dieser Welt bewegen und gebärden muß, wie manlächelt, wie man sich bei Hof verbengt, wie man repräsentiert , , ,du hast meinen Unterricht gut benutzt, und bist jetzt eine großeDance, und hast jetzt eine Kutsche und Lakaien und viel Geld, undviel Stolz und kein Herz. Du bissest mich hier sterben, einsam undelend sterben, wie Napoleon ans Sankt Helena! O Napoleon, duhast mich nie geliebt , , ,' Was er hinzusetzte, konnte ich nicht ver-stehen, Er hob sein Haupt, machte einige Bewegungen mit derHand, als ob er gegen jemanden fechte, vielleicht gegen den Tod.Aber der Sense dieses Gegners widersteht kein Mensch, weder einNapoleon noch ein Türlütü, Hier hilft keine Parade. Matt, wieüberwunden, ließ der Zwerg sein Haupt wieder sinken, sah mich