116 Novellistische Fragmente.
vorbei, und aus den Pforten derselben stürzte ein Hund, und hinterihm drein mit Stöcken ein Dutzend Studenten, zu denen sich baldzwei Dutzend alte Weiber gesellten, die alle im Chorus schrieen: DerHund ist toll! Fast menschlich sah das unglückliche Tier aus inseiner Todesangst, wie Thränen floß das Wasser ans seinen Augen,und als er keuchend an mir vorbei rannte, und sein feuchter Blickan mich hinstreifte, erkannte ich meinen alten Freund, den gelehrtenHund, den Lobredner von Lord Wellington, der einst das Volk vonEngland mit Bewunderung erfüllt. War er vielleicht wirklich toll?War er vielleicht vor lauter Gelehrsamkeit übergeschnappt, als er imQuartier Latin seine Studien fortsetzte? Oder hat er vielleicht inder Sorbonne durch sein Scharren und Knurren seine Mißbilligungzu erkennen gegeben über die pausbäckigen Chnrlntancricn irgendeines Professors, der sich seines ungünstigen Zuhörers dadurch zuentledigen suchte, daß er ihn für toll erklärte? Und ach! die Jugenduntersucht nicht lange, ob es verletzter Gelehrtendünkel oder garBrotneid war, welcher zuerst ausrief: Der Hund ist toll! und sieschlägt zu mit ihren gedankenlosen Stöcken, und auch die alten Weibersind dann bereit mit ihrem Geheule, und sie überschreien die Stimmeder Unschuld und der Vernunft, Mein armer Freund mußte unter-liegen, vor meinen Augen wurde er erbärmlich totgeschlagen, ver-höhnt und endlich ans einen Misthaufen geworfen! Armer Märtyrerder Gelehrsamkeit,
„Nicht viel heiterer war der Zustand des Zwergs MonsieurTürlütü, als ich ihn auf dem Boulevard du Temple wiederfand,Mademoiselle Lawrence hatte mir zwar gesagt, er habe sich dorthinbegeben, aber sei es, daß ich nicht daran dachte, ihn im Ernste dortzu suchen, oder daß das Menschengewühl mich dort daran verhinderte,genug, erst spät bemerkte ich die Antike, wo die Niesen zu sehensind. Als ich hineintrat, fand ich zwei lange Schlingel, die müßigans der Pritsche lagen und rasch aussprangen und sich in Riesen-Positur vor mich hinstellten, Sie waren wahrhaftig nicht so groß,wie sie auf ihrem Aushängezettel prahlten. Es waren zwei langeSchlingel, welche in Rosatricot gekleidet gingen, sehr schwarze, viel-leicht falsche Backenbärte trugen, und ausgehöhlte Holzkeulcn überihre Köpfe schwangen. Als ich sie nach dem Zwerg fragte, wovonihr Aushängezettel ebenfalls Meldung thue, erwiderten sie, daß erseit vier Wochen wegen seiner zunehmenden Unpäßlichkeit nicht mehrgezeigt werde, daß ich ihn aber dennoch sehen könne, wenn ich dasdoppelte Entreegeld bezahlen wollte. Wie gern bezahlt man, umeinen Freund wiederzusehen, das doppelte Entreegeld! lind ach! eswar ein Freund, den ich ans dem Sterbebette fand. Dieses Sterbe-bett war eigentlich eine Kinderwiege, und darin lag der armeZwerg mit seinem gelb verschrnmpften Greisengesicht, Ein etwa vier-