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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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Florentinische Nächte. 113

sie tanzen immer nm so tobsüchtiger und ungestümer, je mehr siefühlen, daß die vergönnte Tanzstunde zu Ende rinnt, und sie wiederhinabsteigen müssen in die Eiskälte des Grabes,

„Es mar auf einer Soiree in der Chanssee d'Nntin, wo mirdiese Betrachtung recht tief die Seele bewegte. Es war eine glänzendeSoiree, und nichts fehlte an den herkömmlichen Ingredienzen desgesellschaftlichen Vergnügens: genug Licht um beleuchtet zu werden,genug Spiegel um sich betrachten zu können, genug Menschen nmsich heiß zu drängen, genug Zuckcrwasscr und Eis um sich abzu-kühlen. Man begann mit Musik. Franz Liszt hatte sich ans Fortc-pianv drängen lassen, strich seine Haare aufwärts über die genialeStirn, und lieferte eine seiner brillantesten Schlachten. Die Tastenschienen zu bluten. Wenn ich nicht irre, spielte er eine Passage ansden Palingenesicen von Ballanche, dessen Ideen er in Musik über-setzte, was sehr nützlich für diejenigen, welche die Werke dieses be-rühmten Schriftstellers nicht im Originale lesen können. Nachherspielte er den Gang nach der Hinrichtung, In mnrolrs an snxpiies,von Berlioz, das treffliche Stück, welche? dieser junge Musiker, wennich nicht irre, am Morgen seines Hochzeitstages komponiert hat. Imganzen Saale erblassende Gesichter, wogende Busen, leises Atmenwährend der Pansen, endlich tobender Beifall. Die Weiber sindimmer wie berauscht, wenn Liszt ihnen etwas vorgespielt hat. Mittollerer Freude überließen sie sich jetzt dem Tanz, die Willis desSalons, und ich hatte Mühe, mich ans dem Getümmel in ein Neben-zimmer zu retten. Hier wurde gespielt, und ans großen Sesselnruhten einige Damen, die den Spielenden zuschauten oder sichwenigstens das Ansehen gaben, als interessierten sie sich für dasSpiel. Als ich an einer dieser Damen vorbcistreifte und ihre Robemeinen Arm berührte, fühlte ich von der Hand bis hinauf zurSchulter ein leises Zucken, wie von einem sehr schwachen elektrischenSchlage. Ein solcher schlag durchfuhr aber mit der größten Stärkemein ganzes Herz, als ich das Aullilz der Dame betrachtete. Ist siees, oder ist sie es nicht? Es war dasselbe Gesicht, das an Formund sonniger Färbung einer Antike gleich; nur war es nicht mehrso marmorrein und marmorglatt wie ehemals. Dem geschärftenBlicke waren auf Stirn und Wange einige kleine Brüche, vielleichtPockennarben, bemerkbar, die hier ganz an jene feinen Wittcrungs-flecken mahnten, wie man sie ans dem Gesichte von Statuen, dieeinige Zeit dein Regen ausgesetzt standen, zu finden Pflegt. Eswaren auch dieselben schwarzen Haare, die in glatten Ovalen wieNabenflügel die Schläfen bedeckten. Als aber ihr Auge dem meinigenbegegnete, und zwar mit jenem wohlbekannten Seitenblick, dessenrascher Blitz mir immer so rätselhaft durch die Seele schoß, dazweifelte ich nicht länger — eS war Madcmoisclle Lanrcnce.

Heine'S Werke. XI. Liz. d!