112 Novellistische Fragmente.
spotten sie des männlichen Scharfblicks. Sind ihre Gesichter schön?Auch dieses wäre schwierig zu ermitteln. Denn alle ihre Gesichts-züge sind in beständiger Bewegung, jede Pariserin hat tausend Ge-sichter, cinS lachender, geistreicher, holdseliger als das andere, undsetzt denjenigen in Verlegenheit, der darunter das schönste Gesichtauswählen oder gar das wahre Gesicht erraten will. Sind ihre Augengroß? Was weiß ich! Wir untersuchen nicht lange das Kaliberder Kanone, wenn ihre Kugel nnS den Kopf entführt. Und wensie nicht treffen, diese Augen, den blenden sie wenigstens durch ihrFeuer, und er ist froh genug, sich in sicherer Schußweite zu halten.Ist der Raum zwischen Nase und Mund bei ihnen breit oder schmal?Manchmal ist er breit, wenn sie die Nase rümpfen; manchmal ister schmal, wenn ihre Oberlippe sich übermütig bäumt. Ist ihr Mundgroß oder klein? Wer kann wissen, wo der Mund aufhört und dasLächeln beginnt? Damit ein richtiges Urteil gefällt werde, mußder Beurteilende und der Gegenstand der Beurteilung sich im Zn-stande der Ruhe befinden. Aber wer kann ruhig bei einer Pariserinsein und welche Pariserin ist jemals ruhig? Es giebt Leute, welcheglauben, sie könnten den Schmetterling ganz genau betrachten, wennsie ihn mit einer Nadel aufs Papier festgestvchen haben. Das istebenso thöricht wie grausam. Der angeheftete, ruhige Schmetterliugist kein Schmetterliug mehr. Den Schmetterliug muß man betrachte»,wenn er um die Blumen gaukelt . . . und die Pariserin muß manbetrachten, nicht in ihrer Häuslichkeit, wo sie mit der Nadel in derBrust befestigt ist, sondern im Salon, bei Soireen und Bällen, wennsie mit den gestickten Gaze- und Seidcnflügeln dahinflattcrt unter denblitzenden Krystallkrvnen der Freude! Dann offenbart sich bei ihneneine hastige Lebenssucht, eine Begier nach süßer Betäubung, ein Lech-zen nach Trunkenheit, wodurch sie fast grauenhaft verschönert werden undeinen Reiz gewinnen, der.nnsere Seele zugleich entzückt und erschüttert.
„Dieser Durst, das Leben zu genießen, als wenn in der nächstenStunde der Tod sie schon abriefe von der sprudelnden Quelle desGenusses, oder als wenn diese Quelle in der nächsten Stunde schonversiegt sein würde, diese Hast, diese Wut, dieser Wahnsinn derPariserinnen, wie er sich besonders ans Bällen zeigt, mahnt michimmer an die Sage von den toten Tänzerinnen, die man bei unsdie Willis nennt. Diese sind nämlich junge Bräute, die vor demHochzeitstage gestorben sind, aber die unbefriedigte Tanzlust sö gewaltig im Herzen bewahrt haben, daß sie nächtlich aus ihren Gräbernhervorstcigen, sich scharcuweis an den Landstraßen versammeln, undsich dort während der Mittcrnachtsstnnde den wildesten Tänzen überlassen. Geschmückt mit ihren Hochzeitskleidern, Blumenkränze auf denHäuptern, funkelnde Ringe an den bleichen Händen, schauerlichlachend, unwiderstehlich schön, tanzen die Willis im Mondschein, und