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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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111
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Florentinische Nächte. III

herrscht, sondern vielmehr die Verschiedenheit ihrer Bestandteile. Manch-mal, wenn ich mir in einem großen Salon die Menschen betrachtete,die sich dort friedlich versammelt, glaubte ich mich in jenen Raritäten-bntiken zn befinden, wo die Reliquien aller Zeiten kunterbunt neben-einander ruhen; ein griechischer Apollo neben einer chinesischen Pagode,ein mexikanischer Vizlipuzli neben einem gotischen Loes-IIoino, ägyp-tische Götzen mit Hundeköpfchen, heilige Fratzen von Holz, von Elfen-bein, von Metall u. f. w. Da sah ich alte Mousquetairs, die einstmit Marie Antoinette getanzt, Republikaner von der gelinden Obser-vanz, die in der Assemblee Nationale vergöttert wurden, Mvntag-nards ohne Barmherzigkeit und ohne Flecken, ehemalige Direktvrial-mttnner, die im Lnxembourg gethront, Großwürdcnträger des Empires,vor denen ganz Europa gezittert, herrschende Jesuiten der Restauration,kurz lauter abgefärbte, verstümmelte Gottheiten aus allen Zeitaltern,und woran niemand mehr geglaubt. Die Namen heulen, wenn siesich berühren, aber die Menschen sieht man friedsam und freundlichnebeneinander stehen, wie die Antiquitäten in den erwähnten Bu-tiken des Quai Voltaire. In germanischen Landen, wo die Leiden-schaften weniger disciplinierbar sind, wäre ein gesellschaftliches Zu-sammenleben so heterogener Personen etwas ganz Unmögliches. Auchist bei uns im kalten Norden das Bedürfnis des Sprechens nichtso stark wie im wärmeren Frankreich, wo die größten Feinde, wennsie sich in einem Salon begegnen, nicht lange ein finsteres Still-schweigen beobachten können. Auch ist in Frankreich die Gefallsuchtso groß, daß man eifrig dahin strebt, nicht bloß den Freunden, sondernauch den Feinden zu gefallen. Da ist ein beständiges Drapieren undMinaudicren, und die Weiber haben hier ihre liebe Mühe, die Männerin der Koketterie zu übertreffen; aber es gelingt ihnen dennoch.

„Ich will mit dieser Bemerkung nichts Böses gemeint haben,beleihe nichts Böses in betreff der französischen Frauen, und amallerwenigsten in betreff der Pariserinnen. Bin ich doch der größteVerehrer derselben, und ich verehre sie ihrer Fehler wegen noch weitmehr als wegen ihrer Tugenden. Ich kenne nichts Treffenderes,als die Legende, daß die Pariserinnen mit allen möglichen Fehlernzur Welt kommen, daß aber eine holde Fee sich ihrer erbarmt undjedem ihrer Fehler einen Zauber verleiht, wodurch er sogar als einneuer Liebreiz wirkt. Diese holde Fee ist die Grazie. Sind diePariserinnen schön? Wer kann das wissen? Wer kann alle Jn-triguen der Toilette durchschauen, wer kann entziffern, ob das echtist, was der Tüll verrät, oder ob das falsch ist, was das bauschigeScidenzeug vorprahlt! Und ist es dein Auge gelungen, durch dieSchale zu dringen, und sind wir eben im Begriff, den Kern zn er-forschen, dann hüllt er sich gleich in eine neue Schale, und nachherwieder in eine neue, und durch diesen unaufhörlichen Modewechsel