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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
110
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Ilt) Novellistische Fragmente.

irgend anderswo; es ist in dieser Lust etwas so Großmütiges, soMildreiches, so Liebenswürdiges wie im Volke selbst.

„Was mir am besten an diesem Pariser Volke gefiel, das warsein höfliches Wesen und sein vornehmes Ansehen. Süßer Ananas-duft der Höflichkeit! wie wohlthätig erquicktest du meine kranke Seele,die in Deutschland so viel Tabaksqualm, Sauerkrautsgeruch undGrobheit eingeschluckt! Wie Rvssiuische Melodien erklangen in meinemOhr die artigen Entschuldigungsreden eines Franzosen, der am Tagemeiner Ankunft mich auf der Straße nur leise gestoßen hatte. Icherschrak fast vor solcher süßen Höflichkeit, ich, der ich an deutschflegelhafte Rippenstöße ohne Entschuldigung gewöhnt war. Währendder ersten Woche meines Aufenthaltes in Paris suchte ich voriätzlicheinigemal gestoßen zu werden, bloß um mich au dieser Musik derEntjchuldigungsreden zu erfreuen. Aber nicht bloß wegen dieserHöflichkeit, sondern auch schon seiner Sprache wegen hatte für michdas französische Volk einen gewissen Anstrich von Vornehmheit.Denn, wie Sie wissen, bei uns im Norden gehört die französischeSprache zu den Attributen des hohen Adels, mit Französisch-sprechenhatte ich von Kindheit an die Idee der Vornehmheit verbunden.Und so eine Pariser Dame de la Halle sprach besser französisch alseine deutsche Stiftsdame von vierundsechzig Ahnen.

Wegen dieser Sprache, die ihm ein vornehmes Ansehen verleiht,hatte das französische Volk in meinen Augen etwas allerliebst Fabel-haftes. Dieses entsprang aus einer andern Reminiscenz meinerKindheit. Das erste Buch nämlich, worin ich Französisch lesen lernte,waren die Fabeln von Lafontaine; die naiv vernünftigen Redens-arten derselben hatten sich meinem Gedächtnisse am unauslöschlichsteneingeprägt, und als ich nun nach Paris kam und überall französischsprechen hörte, erinnerte ich mich beständig der LafontaineschenFabeln, ich glaubte immer die wohlbekannten Tierstimmen zu hören;jetzt sprach der Löwe, dann wieder sprach der Wolf, dann das Lammoder der Storch oder die Taube, nicht selten vermeinte ich auch denFuchs zu vernehmen, und in meiner Erinnerung erwachten manch-mal die Worte:

bllr! lzon jour, monsisur cku Oorlzsuu!

<Zus vous stss joli! gus vous ms ssindls? bsuu!

Solche fabelhafte Reminiscenzen erwachten aber in meiner Seelenoch viel öfter, wenn ich zu Paris in jene höhere Region geriet,welche man die Welt nennt. Dieses war ja eben jene Welt, die demseligen Lafontaine die Typen seiner Tiercharaktere geliefert hatte.Die Wintersaison begann bald nach meiner Ankunft in Paris, undich nahm teil an dem Salonleben, worin sich jene Welt mehr oderminder lustig herumtreibt. Als das interessanteste dieser Welt frap-pierte mich nicht sowohl die Gleichheit der feinen Sitten, die dort