Norentinischc Nächte. lllll
Aber Madcmviscllc Laurence konnte tch lüniineruiehr vergessen, sietanzte lange Zeit in meinem Gedächtnisse, in einsamen Stundenmußte ich noch oft nachdenken über die rätselhaften Pantomimendes schönen Kindes, besonders über das Lauschen mit nach der Erdegebeugtem Ohre. Es dauerte auch ein gute Weile, ehe die aben-teuerlichen Triangel- und Trommelmclodien in meiner Erinnerungverhallten."
„Und das ist die ganze Geschichte?" schrie auf einmal Maria,indem sie sich leidenschaftlich emporrichtete.
Maximilian aber drückte sie wieder sanft nieder, legte bedeutungs-voll den Zeigefinger auf seinen Mund und flüsterte: „Still! still!nur kein Wort gesprochen! liegen Sie wieder hübsch ruhig, und ichwerde Ihnen den Schwanz der Geschichte erzählen. Nur beileibeunterbrechen Sie mich nicht."
Indem er sich noch etwas gemächlicher in seinen Sessel zurück-lehnte, fuhr Maximilian folgendermaßen fort in seiner Erzählung:
„Fünf Jahre nach diesem Begebnis kam ich zum ersten Malenach Paris, und zwar in einer sehr merkwürdigen Periode. DieFranzosen hatten soeben ihre Jnlinsrevolution aufgeführt, unddie ganze Welt applaudierte. Dieses Stück war nicht so gräßlichwie die früheren Tragödien der Republik und des Kaiserreichs. Nureinige Tausend Leichen blieben ans dem Schauplatz. Auch warendie Politischen Romantiker nicht sehr zufrieden und kündigten einneues Stück an, worin mehr Blut fließen würde und wo der Henkermehr zu thun bekäme.
„Paris ergötzte mich sehr durch die Heiterkeit, die sich in allenErscheinungen dort kundgicbt und auch auf ganz verdüsterte Gemüterihren Einfluß ausübt. Sonderbar! Paris ist der Schauplatz, Ivo diegrößten Tragödien der Weltgeschichte aufgeführt werden, Tragödien,bei deren Erinnerung sogar in den entferntesten Ländern die Herzenzittern und die Augen naß werden; aber dem Zuschauer dieser großenTragödien ergeht es hier in Paris, wie es mir einst an der PorteSaint Martin erging, als ich die ,Tour de Nesle' aufführen sah.Ich kam nämlich hinter eine Dame zu sitzen, die einen Hut vonrosaroter Gaze trug, und dieser Hut war so breit, daß er mir dieganze Aussicht auf die Bühne versperrte, daß ich alles, was dorttragicrt wurde, nur durch die rote Gaze dieses Hutes sah, und daßmir also alle Greuel der ,Tvnr de Nesle' in: heitersten Rosenlichteerschienen. Ja, es giebt in Paris ein solches Rvscnlicht, welches alleTragödien für den nahen Zuschauer erheitert, damit ihm dort derLebensgenuß nicht verleidet wird. Sogar die Schrecknisse, die manim eigenen Herzen mitgebracht hat nach Paris, verlieren dort ihrebeängstigenden Schauer. Die Schmerzen werden sonderbar gcsänftigt.In dieser Luft von Paris heilen alle Wunden viel schneller als