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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
108
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1l)8 Novellistische Fragmente.

was ich nicht verstand, dasselbe ungestüme Zurückwerfen des schönenKopfes, dasselbe Lauschen nach der Erde, die Angst, die sich durch immertollere Sprünge beschwichtigen will, und wieder das Horchen mitnach dem Boden geneigtem Ohr, das Zittern, das Erblassen, dasErstarren, dann auch das furchtbar geheimnisvolle Händewascheu undendlich der bittende, flehende Seitenblick, der diesmal noch längerauf mir verweilte.

„Ja, die Weiber, die jungen Mädchen ebensogut wie die Frauen,merken es gleich, sobald sie die Aufmerksamkeit eines Mannes er-regen. Obgleich Mademvisclle Lanrence, wenn sie nicht tanzte, immerregungslos verdrießlich vor sich hinsah und, während sie tanzte, manch-mal nur einen einzigen Blick auf das Publikum warf, so war esvon seht an doch nie mehr bloßer Zufall, daß dieser Blick immerans mich fiel, und je öfter ich sie tanzen sah, desto bedeutungsvollerstrahlte er, aber auch desto unbegreiflicher. Ich war wie verzaubertvon diesem Blicke, und drei Wochen lang von Morgen bis Abendtrieb ich mich umher in den Straßen von London, überall verweilend,>vo Mademoisclle Lanrence tanzte. Trotz des größten Volksgeräuschcskonnte ich schon in der weitesten Entfernung die Töne der Trommelund des Triangels vernehmen, und Monsieur Türlütü, sobald ermich herancilcn sah, erhob sein freundlichstes Krähen. Ohne daß ichmit ihm, noch mit Mademvisclle Laurenee, noch mit Madame Mutter,noch mit dem gelehrten Hund jemals ein Wort sprach, so schien ichdoch am Ende ganz zu ihrer Gesellschaft zu gehören. Wenn Mon-sieur Türlütü Geld einsammelte, betrug er sich immer mit demfeinsten Takt, sobald er mir nahte, und er schaute immer nach derentgegengesetzten Seite, wenn ich in sein dreieckiges Hütchen einkleines Geldstück warf. Er besaß wirklich einen vornehmen Anstand,er erinnerte an die guten Manieren der Vergangenheit, man konntees dem kleinen Manne anmerken, daß er mit Monarchen aufgewachsen,und inn so befremdlicher war es, wenn er zuweilen, ganz und garseiner Würde vergessend, wie ein Hahn krähte.

„Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie sehr ich verdrießlichwurde, als ich einst drei Tage lang vergebens die kleine Gesellschaftin allen Straßen Londons gesucht, uud endlich wohl merkte, daß siedie Stadt verlassen habe. Die Langeweile nahm mich wieder in ihrebleiernen Arme und preßte mir wieder das Herz zusammen. Ichkonnte es endlich nicht länger aushalten, sagte ein Lebewohl demMob, den Vlackguards, den Gentlemen und den Fashionables vonEngland, den vier Ständen des Reichs, und reiste zurück nach demcivilisierten festen Lande, wo ich vor der weißen Schürze des erstenKochs, dem ich dort begegnete, anbetend niederkniete. Hier konnteich wieder einmal wie ein vernünftiger Mensch zu Mittag essen undan der Gemütlichkeit uneigennütziger Gesichter meine Seele erquicken.