Florentinische Nächte. 107
verwirren suchte und mich immer störte. Monsieur Türlütüs Tri-angel kicherte manchmal so hämisch! Madame Mutter aber schlugaus ihre große Trommel so zornig, daß ihr Gesicht aus dein Ge-wölke der schwarzen Mutze wie ein blutrotes Nordlicht hervorglühte.
„Als die Truppe sich wieder entfernt hatte, blieb ich noch langeauf demselben Platze stehen, und dachte darüber nach, was dieserTanz bedeuten mochte. War es ein südfranzösischer oder spanischerNationaltanz? An dergleichen mahnte wohl der Ungestüm, womitdie Tänzerin ihr Leibchen hin und her schleuderte, und die Wildheit,womit sie manchmal ihr Haupt rückwärts warf in der frevelhaftkühnen Weise jener Bacchantinnen, die wir auf den Reliefs derantiken Vasen mit Erstaunen betrachten. Ihr Tanz hatte dannetwas trunken Willenloses, etwas finster Unabwendbares, etwas Fata-listisches, sie tanzte dann wie das Schicksal. Oder waren es Frag-mente einer uralten verschollenen Pantomime? Oder war es gctanztePrivatgeschichte? Manchmal beugte sich das Mädchen zur Erde wiemit lauerndem Ohre, als hörte sie eine Stimme, die zu ihr hernuf-sprttche ... sie zitterte dann wie Espenlaub, bog rasch nach einer andernSeite, entlud sich dort ihrer tollsten, ausgelassensten Sprünge, beugtedann wieder das Ohr zur Erde, horchte noch ängstlicher als zuvor,nickte mit dem Kopfe, ward rot, ward blaß, schauderte, blieb eineWeile kerzengerade stehen wie erstarrt, und machte endlich eine Be-wegung wie jemand, der sich die Hände wäscht. War es Blut, wassie so sorgfältig lange, so grauenhaft sorgfältig von ihren Händenabwusch? Sie warf dabei seitwärts einen Blick, der so bittend, soflehend, so seelcnschmelzend . . . und dieser Blick fiel zufällig auf mich.
„Die ganze folgende Nacht dachte ich an diesen Blick, an diesenTanz, an das abenteuerliche Accompagnement; und als ich des andernTages, wie gewöhnlich, durch die Straßen von London schlenderte,empfand ich den sehnlichsten Wunsch, der hübschen Tänzerin wiederzu begegnen, und ich spitzte immer die Ohren, ob ich nicht irgendeine Trommel- oder Triangelmusik hörte. Ich hatte endlich in Londonetwas gefunden, wofür ich mich interessierte, und ich wanderte nichtmehr zwecklos einher in seinen gähnenden Straßen.
„Ich kam eben aus dem Tower und hatte mir dort die Axt,womit Anna Bullen geköpft worden, genau betrachtet, sowie auch dieDiamanten der englischen Krone und die Löwen, als ich auf demTowerplatze inmitten eines großen Menschenkreises wieder MadameMutter mit der großen Trommel erblickte und Monsieur Türlütüwie einen Hahn krähen hörte. Der gelehrte Hund scharrte wiederdas Heldentum des Lord Wellington zusammen, der Zwerg zeigtewieder seine unparierbarcn Terzen und Quarten, und MademoiselleLaurence begann wieder ihren wunderbaren Tanz. Es waren wiederdieselben rätselhaften Bewegungen, dieselbe Sprache, die etwaS sagte,