1l)6 Novellistische Fragmente,
bizarre Melodie, die dennoch von der sonderbarsten Einfachheit, DieseMusik aber vergaß ich bald, als das junge Mädchen zu tanzen begann.
„Tanz und Tänzerin nahmen fast gewaltsam meine ganze Auf-merksamkeit in Anspruch, Das war nicht das klassische Tanzen, daswir noch in unseren großen Balletten finden, wo, ebenso wie in derklassischen Tragödie, nur gespreizte Einheiten und Künstlichkeitcnherrschen; das waren nicht jene getanzten Alexandriner, jene dekla-matorischen Sprünge, jene antithetischen Entrechats, jene edle Leiden-schaft, die so wirbelnd auf dem Fuße herumpirouettiert, daß mannichts sieht, als Himmel und Trikot, nichts als Idealität und Lüge!Es ist mir wahrlich nichts so sehr zuwider wie das Ballett in dergroßen Oper zu Paris, wo sich die Tradition jenes klassischen Tanzensam reinsten erhalten hat, während die Franzosen in den übrigenKünsten, in der Poesie, in der Musik und in der Malerei, daSklassische System umgestürzt haben. Es wird ihnen aber schwerwerden, eine ähnliche Revolution in der Tanzkunst zu vollbringen;es sei denn, daß sie hier wieder, wie in ihrer politischen Revolution,zum Terrorismus ihre Zuflucht nehmen, und den verstockten Tänzernund Tänzerinnen des alten Regimes die Beine guillotinieren, Made-moiselle Laurcnce war keine große Tänzerin, ihre Fußspitzen warennicht sehr biegsam, ihre Beine waren nicht geübt zu allen möglichenVerrenkungen, sie verstand nichts von der Tanzkunst, wie sie Bestrislehrt, aber sie tanzte wie die Natur den Menschen zu tanzen ge-bietet: ihr ganzes Wesen war im Einklänge mit ihren Pas, nichtbloß ihre Füße, sondern ihr ganzer Leib tanzte, ihr Gesicht tanzte,,,sie wurde manchmal blaß, fast totenblaß, ihre Augen öffneten sich ge-spenstisch weit, um ihre Lippen zuckten Begier und Schmerz, undihre schwarzen Haare, die in glatten Ovalen ihre Schläfen um-schlossen, bewegten sich wie zwei flatternde Nabenflngel, Das warin der That kein klassischer Tanz, aber auch kein romantischer Tanz,in dem Sinne wie ein junger Franzose von der Eugene Nenduel-schen Schule sagen würde. Dieser Tanz hatte weder etwas Vene-tianisches, noch etwas Bucklichtes, noch etwas Makabrisches, es warweder Mondschein darin, noch Blutschande ... Es war ein Tanz,welcher nicht durch äußere Bewegungsformen zu amüsieren strebte,sondern die äußeren Bewcgungsfvrmen schienen Worte einer be-sonderen Sprache, die etwas Besonderes sagen wollte. Was abersagt dieser Tanz? Ich konnte es nicht verstehen, so leidenschaftlichauch diese Sprache sich gebürdete. Ich ahnte nur manchmal, daßvon etwas grauenhaft Schmerzlichem die Rede war. Ich, der sonstdie Signatur aller Erscheinungen so leicht begreift, ich konnte dennochdieses getanzte Rätsel nicht lösen, und daß ich immer vergeblich nachdem Sinne desselben tappte, daran war auch wohl die Musik schuld,die mich gewiß absichtlich auf falsche Fährten leitete, mich listig zn