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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
103
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Florentinische Nächte. 103

Die Vollkommenheit der Maschinen, die hier überall angewendetwerden, nnd so viele menschliche Verrichtungen übernommen, hatteebenfalls für mich etwas kinheimliches; dieses künstliche Getriebe vonRädern. Stangen. Cylindern und tausenderlei kleinen Häkchen. Stift-chen nnd Zähnchen, die sich fast leidenschaftlich bewegen, erfüllte michmit Grauen. Das Bestimmte, das Genaue, das Ausgemcsscne unddie Pünktlichkeit im Leben der Engländer beängstigte mich nichtminder; denn gleichwie die Maschinen in England uns wie Menschenvorkommen, so erscheinen uns dort die Menschen wie Maschinen. Ja,Holz. Eisen und Messing scheinen dort den Geist des Menschen usurpiertzu haben und vor Geistesfülle fast wahnsinnig geworden zu sein,während der entgeistete Mensch als ein hohles Gespenst ganz maschinen-mäßig seine Gewohnheitsgeschäfte verrichtet, zur bestimmten MinuteBeesstcaks frißt, Parlamcntsreden hält, seine Nägel bürstet, in dieStage-Coach steigt oder sich aufhängt.

„Wie mein Mißbehagen in diesem Lande sich täglich steigerte,können Sie sich wohl vorstellen. Nichts aber gleicht der schwarzenStimmung, die mich einst befiel, als ich gegen Abendzeit ans derWaterloo-Brücke stand nnd in die Wasser der Themse hineinblickte.Mir war, als spiegelte sich darin meine Seele, als schaute sie mirauS dem Wasser entgegen mit allen ihren Wundermalen . . . Dabeikamen mir die kummervollsten Geschichten ins Gedächtnis . . . Ichdachte an die Rose, die immer mit Essig begossen worden und da-durch ihre süßesten Düfte einbüßte und frühzeitig verwelkte . . . Ichdachte an den verirrten Schmetterling, den ein Naturforscher, der denMontblanc bestieg, dort ganz einsam zwischen den Eiswäuden umher-flattern sah . . . Ich dachte an die zahme Äffin, die mit den Men-schen so vertraut war, mit ihnen spielte, mit ihnen speiste, aber einstbei Tische in dem Braten, der in der Schüssel lag, ihr eigenes jungesÄffchen erkannte, es hastig ergriff, damit in den Wald eilte, und sichnie mehr unter ihren Freunden, den Menschen, sehen ließ . . . Ach,mir war so weh zu Mute, daß mir gewaltsam die heißen Tropfenaus den Augen stürzten . . . Sie fielen hinab in die Themse undschwammen fort ins große Meer, das schon so manche Menschcn-thräne verschluckt hat, ohne es zu merken!

„In diesem Augenblick geschah es, daß eine sonderbare Musik michaus meinen dunklen Träumen weckte, und als ich mich umsah, bemerkteich am Ufer einen Haufen Menschen, die um irgend ein ergötzlichesSchauspiel einen Kreis gebildet zu haben schienen. Ich trat näher nnd er-blickte eine Künstlerfamilie, welche aus folgenden vier Personen bestand:

„Erstens eine kleine untersetzte Frau, die ganz schwarz gekleidetwar, einen sehr kleinen Kopf und einen mächtig dick hervortretendenBauch hatte. Uber diesen Bauch hing ihr eine ungeheuer großeTrommel, worauf sie ganz unbarmherzig lostrommelte.