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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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102
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102 Novellistische Fragmente.

Kontrast bilden mit den Gesichtern der Italiener, deren Züge mehrvon antiker Regelmäßigkeit sind, und deren Nasen, entweder römischgebogen oder griechisch gesenkt, nicht selten ins Allzulängliche aus-arten, Sehr richtig ist die Bemerkung eines deutschen Reisenden,daß die Engländer, wenn sie hier unter den Italienern wandeln,alle wie Statuen aussehen, denen man die Nasenspitze abgeschlagen hat.

„Ja, wenn man den Engländern in einem fremden Lande be-gegnet, kann man durch den Kontrast ihre Mängel erst recht grellhervortreten sehen. Es sind die Götter der Langeweile, die in blanklackierten Wagen mit Extrapost durch alle Länder jagen, und überalleine graue Staubwolke von Traurigkeit hinter sich lassen. Dazukommt ihre Neugier ohne Interesse, ihre geputzte Plumpheit, ihrefreche Blödigkeit, ihr eckiger Egoismus, und ihre öde Freude anallen melancholischen Gegenständen. Schon seit drei Wochen siehtman hier auf der Piazza del Gran Duca alle Tage einen Engländer,welcher stundenlang mit offenem Maule jenem Charlataue zuschaut,der dort, zu Pferde sitzend, den Leuten die Zähne ausreißt. DiesesSchauspiel soll den edlen Sohn Albions vielleicht schadlos halten fürdie Exekutionen, die er in seinem teuren Baterlande versäumt . . .Denn nächst Boxen und Hahnenkampf giebt es für einen Britenkeinen köstlicheren Anblick, als die Agonie eines armen Teufels, derein Schaf gestohlen oder eine Handschrift nachgeahmt hat, und vorder Fapade von Old-Baylie eine Stunde lang mit einem Strick umden Hals ausgestellt wird, ehe man ihn in die Ewigkeit schleudert.Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß Schafdiebstahl undFälschung in jenem häßlich gransamen Lande gleich den abscheulichstenVerbrechen, gleich Vatermord und Blutschande, bestraft werden. Ichselber, den ein trister Zufall vorbsiführte, ich sah in London einenMenschen hängen, weil er ein Schaf gestohlen, und seitdem verlorich alle Freude an Hammelbraten; das Fett erinnert mich immer andie weiße Mütze des armen Sünders. Neben ihm ward ein Jrländergehenkt, der die Handschrift eines reichen Bankiers nachgeahmt; nochimmer sehe ich die naive Todesangst des armen Paddy, welcher vorden Assisen nicht begreifen konnte, daß mau ihn einer nachgeahmtenHandschrift wegen so hart bestrafe, ihn, der doch jedem Menschenkinderlaube, seine eigene Handschrift nachzuahmen! Und dies Volk sprichtbeständig von Christentum, und versäumt des Sonntags keine Kirche,und überschwemmt die ganze Welt mit Bibeln.

„Ich will es Ihnen gestehen, Maria, wenn mir in Englandnichts munden wollte, weder Menschen noch Küche, so lag auch wohlzum Teil der Grund in mir selber. Ich hatte einen guten Vorratvon Mißlauuc mit hinllbergebracht aus der Heimat, und ich suchteErheiterung bei einem Volke, das selber nur im Strudel der politi-schen und mcrkantilischen Thätigkcit seine Langeweile zu töten weiß.