Florentinische Nächte. 101
setzte sich Maximilian auf den Sessel, der vor dein Sofa stand, undbegann folgendermaßen seine Erzählung:
„Es sind nun acht Jahre, daß ich nach London reiste, um dieSprache und das Volk dort kennen zu lernen. Hol der Teufel dasVolk mitsamt seiner Sprache! Da nehmen sie ein Dutzend einsilbigerWorte ins Maul, kauen sie, knatschen sie, spucken sie wieder aus,und das nennen sie sprechen. Zum Glück sind sie ihrer Natur nachziemlich schweigsam, und obgleich sie uns immer mit aufgesperrtemMaule ansehen, so verschonen sie uns jedoch mit langen Konver-sationen. Aber wehe uns, wenn wir einem Sohne Nlbions in dieHände fallen, der die große Tour gemacht und auf dem KontinenteFranzösisch gelernt hat. Dieser will dann die Gelegenheit benutzen,die erlangten Sprachkenntnisse zu üben, und überschüttet uns mitFragen über alle möglichen Gegenstände, und kaum hat man dieeine Frage beantwortet, so kommt er mit einer neuen herangezogen,entweder über Alter oder Heimat oder Dauer unseres Aufenthalts,und mit diesem unaufhörlichen Jnquirieren glaubt er uns aufsallerbeste zu unterhalten. Einer meiner Freunde in Paris hattevielleicht recht, als er behauptete, daß die Engländer ihre französischeKonversation auf dem Lnrsan clas xasssxorts erlernen. Am nütz-lichsten ist ihre Unterhaltung bei Tische, wenn sie ihre kolossalen Roast-beefs tranchieren und mit den ernsthaftesten Mienen uns abfragen,welch ein Stück wir verlangen, ob stark oder schwach gebraten, obaus der Mitte oder aus der braunen Rinde, ob fett oder mager.Diese Roastbeefs und ihre Hammelbraten sind aber auch alles, wassie Gutes haben. Der Himmel bewahre jeden Christenmensch vorihren Saucen, die aus Mehl und Butter, oder, je nachdemdie Mischung eine Abwechselung bezweckt, aus Butter und Mehlbestehen. Der Himmel bewahre auch jeden vor ihren naiven Ge-müsen, die sie in Wasser gekocht, ganz wie Gott sie erschaffen hat,auf den Tisch bringen. Entsetzlicher noch als die Küche der Eng-länder sind ihre Toaste und obligaten Standreden, wenn das Tisch-tuch aufgehoben wird und die Damen sich von der Tafel wegbegeben,und statt ihrer ebensovicle Bvuteillen Portwein aufgetragen werden ...denn durch letztere glauben sie die Abwesenheit des schönen Geschlechtesaufs beste zu ersetzen. Ich sage des schönen Geschlechtes, denn dieEngländerinnen verdienen diesen Namen. Es sind schöne, weiße,schlanke Leiber. Nur der allzubreite Raum zwischen der Nase unddem Munde, der bei ihnen ebenso häufig wie bei den englischenMännern gefunden wird, hat mir oft in England die schönsten Ge-sichter verleidet. Diese Abweichung von dem Typus des Schönenwirkt auf mich noch fataler, wenn ich die Engländer hier in Italiensehe, wo ihre kärglich gemessenen Nasen und die breite Fleischfläche,die sich darunter bis zum Maule erstreckt, einen desto schrofferen