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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
96
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N6 Novellistische Fragmente.

vorher. In seinen Augen starrte eine grauenhafte Ängstlichkeit, wiedie eines armen Sünders.

„Gottlich! rief mein Nachbar, der Pelzmakler, indem er sich inden Ohren kratzte, dieses Stück war allein schon zwei Thaler wert.

„Als Paganini anfs neue zu spielen begann, ward es mir düstervor den Augen. Die Töne verwandelten sich nicht in helle Formenund Farben! die Gestalt des Meisters umhüllte sich vielmehr in finstereSchatten, aus deren Dunkel seine Musik mit den schneidendsten Jammer-tönen hervorklagte. Nur manchmal, wenn eine kleine Lampe, dieüber ihm hing, ihr kümmerliches Licht auf ihn warf, erblickte ich seinerbleichtes Antlitz, worauf aber die Jugend noch immer nicht erloschenwar. Sonderbar war sein Anzug, gespaltet in zwei Farben, wovondie eine gelb und die andere rot. An den Füßen lasteten ihm schwereKetten. Hinter ihm bewegte sich ein Gesicht, dessen Physiognomie anseine lustige BockSnatnr hindeutete, und lange, haarichte Hände, die,wie es schien, dazu gehörten, sah ich zuweilen hilfreich in die Saitender Violine greifen, worauf Paganini spielte. Sie führten ihm auchmanchmal die Hand, womit er den Bogen hielt, und ein meckerndesBeisalllachen accompagnierte dann die Töne, die immer schmerzlicherund blutender aus der Violine hervorgnollcn. Das waren Töne gleichdem Gesang der gefallenen Engel, die mit den Töchtern der Erdegebuhlt hatten und, aus dem Reiche der Seligen verwiesen, mitschamglnhcnden Gesichtern in die Unterwelt hinabstiegen. Das warenTöne, in deren bodenloser Untiefe weder Trost noch Hoffnung glimmte.Wenn die Heiligen im Himmel solche Töne hören, erstirbt das LobGottes auf ihren verbleichenden Lippen, und sie verhüllen weinendihre frommen Häupter! Zuweilen, wenn in die melodischen Qualnisse dieses Spiels das obligate Bockslachen hineinmcckerte, erblickteich auch im Hintergründe eine Menge kleiner Weibsbilder, die boshaftlustig mit den häßlichen Köpfen nickten und mit den gekreuztenFingern in neckender Schadenfreude ihre Rübchen schabten. Aus derVioline drangen alsdann Angstlaute und ein entsetzliches Seufzenund ein Schluchzen, wie man es noch nie gehört ans Erden, und wieman es vielleicht nie wieder ans Erden hören wird, es sei denn imThale Josaphat, wenn die kolossalen Posaunen des Gerichts erklingenund die nackten Leichen ans ihren Gräbern hervorkricchen und ihresSchicksals harren . . . Aber der gegnttlte Violinist that plötzlich einenStrich, einen sv wahnsinnig verzweifelten Strich, daß seine Kettenrasselnd entzweisprangen und sein unheimlicher Gehilfe, mitsamt denverhöhnenden Unholden, verschwanden.

„In diesem Augenblicke sagte mein Nachbar, der Pelzmakler:Schade, schade, eine Saite ist ihm gesprungen, das kommt von dembeständigen Pizzikato!

„War wirklich die Saite auf der Violine gesprungen? Ich weiß