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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Florentinische Nächte. 97

nicht. Ich bemerkte nur die Transfiguration der Töne, nnd da schienmir Paganini nnd seine Umgebung plötzlich wieder ganz verändert.Jenen konnte ich kaum wieder erkennen in der brannen Mönchstrncht,die ihn mehr versteckte als bekleidete. Das verwilderte Antlitz halbverhüllt von der Kapuze, einen Strick um die Hüfte, barfüßig, eineeinsam trotzige Gestalt, stand Paganini auf einem felsigen Vvrsprnngeam Meere und spielte Bioline. Es war, wie mich dünkte, die Zeitder Dämmerung, das Abendrot überfloß die Ivetten Mceresflnten,die immer röter sich färbten und immer feierlicher rauschten, im ge-heimnisvollsten Einklang mit den Tönen der Violine. Je röter aberdas Meer wurde, desto fahler erbleichte der Himmel, und als endlichdie wogenden Wasser wie lauter scharlnchgrelles Blut aussahen, daward droben der Himmel ganz gespenstisch hell, ganz lcichenweiß, undgroß und drohend traten daraus hervor die Sterne . . . nnd dieseSterne waren schwarz, schwarz wie glänzende Steinkohlen. Aber dieTöne der Violine wurden immer stürmischer und kecker, in den Augendes entsetzlichen Spiclmanns funkelte eine so spöttische Zerstörungslust,und seine dünnen Lippen bewegten sich so grauenhaft hastig, daß esaussah, als murmelte er uralt verruchte Zaubersprüche, womit manden Sturm beschwört und jene bösen Geister entfesselt, die in denAbgründen des Meeres gefangen liegen. Manchmal, wenn er, dennackten Arm aus dem weiten Mönchsärmcl lang mager hervorstrcckcnd,mit dem Fidclbogcn in den Lüften fegte, dann erschien er erst rechtwie ein Hexenmeister, der mit dem Znnberstabe den Elementen ge-bietet, und es heulte dann wie wahnsinnig in der Meercstiefc, unddie entsetzten Blutwellcn sprangen dann so gewaltig in die Höhe, daßsie fast die bleiche Himmclsdecke und die schwarzen Sterne dort mitihrem roten Schaume bespritzten. Das heulte, das kreischte, daskrachte, als ob die Welt in Trümmer zusammenbrechen wollte, undder Mönch strich immer hartnackiger seine Bioline. Er wollte durchdie Gewalt seines rasenden Willens die sieben Siegel brechen, womitSolomon die eisernen Töpfe versiegelt, nachdem er darin die über-wundenen Dämonen verschlossen. Jene Töpfe hat der weise Königins Meer versenkt, und eben die Stimmen der darin verschlossenenGeister glaubte ich zu vernehmen, während Paganinis Violine ihrezornigsten Baßtöne grollte. Aber endlich glaubte ich gar wie Jubelder Befreiung zu vernehmen, und aus den roten Blutwcllen sah ichhervortauchen die Häupter der entfesselten Dämoneni Ungetüme vonfabelhafter Häßlichkeit, Krokodile mit FlcdermauSflügeln, Schlangenmit Hirschgeweihen, Affen bcmützt mit Trichtcrmuscheln, Seehunde mitpatriarchalisch langen Bärten, Weibcrgcsichter mit Brüsten an derStelle der Wangen, grüne KamclSköpse, Zwittergeschöpfe von un-begreiflicher Zusammensetzung, alle mit kaltklugcn Augen hinglotzcndnnd mit langen Floßtatzcn hingrcifend nach dem fidelnden Mönche . ..

H eine's Werke. XI. Vd. 7