84 Novellistische Fragmente,
harnilvs und vhue große Zärtlichkeit, Ich aber wurde täglich mehrund mehr bezaubert von diesem Bilde, das täglich mehr und mehrRealität sür mich gewann. Es ist leicht, Geister zu beschwören, dochist es schwer, sie wieder zurückzuschicken in ihr dunkles Nichts; siesehen uns dann so flehend an, unser eigenes Herz leiht ihnen somächtige Fürbitte , . , Ich konnte mich nicht mehr losreißen, undich verliebte mich in die kleine Very, nachdem sie schon seit siebenJahren verstorben. So lebte ich sechs Monate in Potsdam, ganzversunken in dieser Liebe, Ich hütete mich noch sorgfältiger als vor-her vor jeder Berührung mit der Außenwelt, und wenn irgend jemandans der Straße etwas nahe an mir vorbeistreifte, empfand ich diemißbehaglichste Beklemmung, Ich hegte vor allen Begegnissen einetiefe Scheu, wie solche vielleicht die nachtwandelnden Geister der Totenempfinden; denn diese, wie man sagt, wenn sie einem lebenden Men-schen begegnen, erschrecken sie ebensosehr, wie der Lebende erschrickt,wenn er einem Gespcnste begegnet. Zufällig kam damals ein Reisenderdurch Potsdam, dem ich nicht ausweichen konnte, nämlich mein Bruder,Bei seinem Anblick und bei seinen Erzählungen von den letzten Bor-fällen der Tagesgeschichte erwachte ich wie aus einem tiefen Traume,und zusammenschreckend fühlte ich plötzlich, in welcher grauenhaftenEinsamkeit ich so lange für mich hingelebt. Ich hatte in diesem Zu-stande nicht einmal den Wechsel der Jahrzeiten gemerkt, und mit Ver-wunderung betrachtete ich jetzt die Bäume, die längst entblättert, mitherbstlichem Reife bedeckt standen. Ich verließ alsbald Potsdam unddie kleine Very, und in einer andern Stadt, wo mich wichtige Ge-schäfte erwarteten, wurde ich durch sehr eckige Verhältnisse und Be-ziehungen sehr bald wieder in die rohe Wirklichkeit hineingeguält,
„Lieber Himmel!" fuhr Maximilian fort, indem ein schmerzlichesLächeln um seine Oberlippe zuckte, — „lieber Himmel! die lebendigenWeiber, mit denen ich damals in unabweisliche Berührungen kam,wie haben sie mich gequält, zärtlich gequält mit ihrem Schmollen,Eifersüchteln und beständigem Jnatemhalten! Ans wie vielen Bällenmußte ich mit ihnen herumtraben, in wie viele Klatschereien mußteich mich mischen! Welche rastlose Eitelkeit, welche Freude an der Lüge,welche küssende Verräterei, welche giftige Blumen! Jene Damen wußtenmir alle Lust und Liebe zu verleiden, und ich wurde auf einige Zeitein Weiberfeind, der das ganze Geschlecht verdammte. Es erging mirfast wie dem französischen Offizier, der im russischen Feldzuge sichnur mit Mühe aus den Eisgruben der Bcrcsina gerettet hatte, aberseitdem gegen alles Gefrorene eine solche Antipathie bekommen, daßer jetzt sogar die süßesten und angenehmsten Eissorten von Tortonimit Abscheu von sich wies. Ja, die Erinnerung an die Beresina derLiebe, die ich damals passierte, verleidete mir einige Zeit sogar dieköstlichsten Damen, Frauen wie Engel, Mädchen wie Vanillensorbett,"