Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

Florentiiiische Nächte. 83

kämpft für die immaknlicrtc Empfängnis Mariä, der Königin derEngel, der schönsten Dame des Himmels nnd der Erde! Für dieganze heilige Familie interessierte ich mich damals, nnd ganz besondersfreundlich zog ich jedesmal den Hut ab, wenn ich an einem Bilde desheiligen Joseph vorbeikann Dieser Zustand dauerte jedoch nicht lange,und fast ohne Ilmstände verließ ich die Mutter Gottes, als ich ineiner Antiken-Galerie mit einer griechischen Nymphe bekannt wurde,die mich lange Zeit in ihren Marmorfesseln gefangen hielt."

Und Sie liebten immer nur gemeißelte oder gemalte Frauen?"kicherte Maria.

Nein, ich habe auch tote Frauen geliebt," antwortete Maximilian,über dessen Gesicht sich wieder ein großer Ernst verbreitete. Er be-merkte nicht, daß bei diesen Worten Maria erschreckend zusammenfuhr,und ruhig sprach er weiter:

Ja, es ist höchst sonderbar, daß ich mich einst in ein Mädchenverliebte, nachdem sie schon seit sieben Jahren verstorben war. Alsich die kleine Bery kennen lernte, gefiel sie mir ganz außerordentlichgut. Drei Tage lang beschäftigte ich mich mit dieser jungen Personnnd fand das höchste Ergötzen an allem, was sie that und sprach,an allen Äußerungen ihres reizend wunderlichen Wesens, jedoch ohnedaß mein Gemüt dabei in überzärtliche Bewegung geriet. Auch wurdeich einige Monate darauf nicht allzntief ergriffen, als ich die Nach-richt empfing, daß sie infolge eines Nervenficbers plötzlich gestorbensei. Ich vergaß sie ganz gründlich, nnd ich bin überzeugt, daß ichjahrelang auch nicht ein einziges Mal an sie gedacht habe. Ganzesieben Jahre waren seitdem verstrichen, und ich befand mich in Pots-dam, um in ungestörter Einsamkeit den schönen Sommer zu genießen.Ich kam dort mit keinem einzigen Menschen in Berührung, und meinganzer Umgang beschränkte sich auf die Statuen, die sich im Gartenvon Sanssouci befinden. Da geschah es eines Tages, daß mir Ge-sichtszüge und eine seltsam liebenswürdige Art des Sprechens nndBcwegenS ins Gedächtnis traten, ohne daß ich mich dessen entsinnenkonnte, welcher Person dergleichen angehörten. Nichts ist quälenderals solches Herumstöbern in alten Erinnerungen, nnd ich war des-halb wie freudig überrascht, als ich nach einigen Tagen mich auf ein-mal der kleinen Bcry erinnerte nnd jetzt merkte, daß eS ihr liebcS,vergessenes Bild war, was mir so beunruhigend vorgeschwebt hatte.Ja, ich freute mich dieser Entdeckung wie einer, der seinen intimstenFreund ganz unerwartet wiedergefunden; die verblichenen Farbenbelebten sich allmählich, und endlich stand die süße kleine Person wiederleibhaftig vor mir, lächelnd, schmollend, witzig, und schöner noch alsjemals. Bon nun an wollte mich dieses holde Bild nimmermehr ver-lassen, es füllte meine ganze Seele; wo ich ging und stand, standund ging es an meiner Seite, sprach mit mir, lachte mit mir, jedoch

6*