Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
82
Einzelbild herunterladen
 

82 Novellistische Fragmente.

Empfindung vergessen können, die meine Seele durchflutete, als diebeseligende Kälte jener Marmorlippen meinen Mund berührte , , ,Und sehen Sie, Maria, als ich eben vor Ihnen stand und ich Siein Ihrem weißen Musselinkleide aus dem grünen Sofa liegen sah,da mahnte mich Ihr Anblick an das weiße Marmorbild im grünenGrase. Hätten Sie länger geschlafen, meine Lippen würden nichtwiderstanden haben . . ."

Max! Max!" schrie das Weib aus der Tiefe ihrer SeeleEntsetzlich! Sie wissen, daß ein Kuß von Ihrem Munde . . ."

Ö, schweigen Sie nur, ich weiß, das wäre für Sie etwas Ent-setzliches! Sehen Sie mich nur nicht so flehend an. Ich mißdeutenicht Ihre Empfindungen, obgleich die letzten Gründe derselben mirverborgen bleiben. Ich habe nie meinen Mund auf Ihre Lippendrücken dürfen ..."

Aber Maria ließ ihn nicht ausreden, sie hatte seine Hand erfaßt,bedeckte diese Hand mit den heftigsten Küssen, und sagte dann lächelnd:Bitte, bitte, erzählen Sie mir noch mehr von Ihren Liebschaften.Wie lange liebten Sie die marmorne Schöne, die Sie im Schloß-garten Ihrer Mutter geküßt?"

Wir reisten den andern Tag ab," antwortete Maximilian,undich habe das holde Bildnis nie wieder gesehen. Aber fast vier Jahrebeschäftigte es mein Herz. Eine wunderbare Leidenschaft für mar-morne Statuen hat sich seitdem in meiner Seele entwickelt, und nochdiesen Morgen empfand ich ihre hinreißende Gewalt. Ich kam ausder Lanrentiana, der Bibliothek der Mediceer, und geriet, ich weißnicht mehr wie, in die Kapelle, Ivo jenes prachtvollste GeschlechtItaliens sich eine Schlafstelle von Edelsteinen gebaut hat und ruhigschlummert. Eine ganze Stunde blieb ich dort versunken in dem An-blick eines marmornen Frauenbildes, dessen gewaltiger Leibcsban vonder kühnen Kraft des Michel Angela zeugt, während doch die ganzeGestalt von einer ätherischen Süßigkeit umflossen ist, die man beijenem Meister eben nicht zu suchen pflegt. In diesen Marmor istdas ganze Traumrcich gebannt mit allen seinen stillen Seligkeiten,eine zärtliche Ruhe wohnt in diesen schönen Gliedern, ein besänftigen-des Mondlicht scheint durch ihre Adern zu rinnen ... es ist die Nachtdes Michel Angela Buonarotti. O, wie gern möchte ich schlafen desewigen Schlafes in den Armen dieser Nacht . . .

Gemalte Frauenbilder," fuhr Maximilian fort nach einer Pause,haben mich immer minder heftig interessiert als Statuen. Nur ein-mal war ich in ein Gemälde verliebt. Es war eine wunderschöneMadonna, die ich in einer Kirche zu Köln am Rhein kennen lernte.Ich wurde damals ein sehr eifriger Kirchengänger, und mein Gemütversenkte sich in die Mystik des Katholizismus. Ich hätte damalsgern, wie ein spanischer Ritter, alle Tage auf.Leben und Tod ge-