Florentiuische Nächte. 81
und die Thräneu flössen ihr unaufhörlich über die Wangen. Sahatte ich sie nach nie weinen sehen. Sie umarmte mich mit hastigerZärtlichkeit und bat mich um Verzeihung, daß ich durch JohannsNachlässigkeit kein ordentliches Bett bekommen werde. .Die alteMarthe/ sagte sie, .ist schwer krank und kann dir, liebes Kind, ihrBett nicht abtreten. Johann soll dir aber die Kissen ans dem Wagenso zurecht legen, daß du darauf schlafen kannst, und er mag dir auchseinen Mantel zur Decke geben. Ich selber schlafe hier auf Stroh;es ist das Schlafzimmer meines seligen Vaters; es sah sonst hier vielbesser aus. Laß mich allein!' Und die Thräncn schössen ihr nochheftiger aus den Augen.
„War es nun das ungewohnte Lager oder das aufgeregte Herz,es ließ mich nicht schlafen. Der Mondschein drang so unmittelbardurch die gebrochenen Fensterscheiben, und es war mir, als wolle ermich hinanslockeu in die helle Sommernacht. Ich mochte mich rechtsoder links wenden auf meinem Lager, ich mochte die Augen schließenoder wieder ungeduldig öffnen, immer mußte ich an die schöne Marmor-statue denken, die ich im Grase liegen sehen. Ich konnte mir dieBlödigkeit nicht erklären, die mich bei ihrem Anblick erfaßt hatte; ichward verdrießlich ob dieses kindischen Gefühls, und .morgen/ sagteich leise zu mir selber, .morgen küssen wir dich, du schönes Marmor-gesicht, wir küssen dich eben auf die schönen Mundwinkel, wo dieLippen in ein so holdseliges Grübchen zusammenschmelzen/ Eine Un-geduld, wie ich sie noch nie gefühlt, rieselte dabei durch alle meineGlieder, ich konnte dem wunderbaren Drange nicht länger gebieten,und endlich sprang ich auf mit keckem Mute und sprach: .Was gilt's,und ich küsse dich noch heute, du licbeS Bildnis!' Leise, damit dieMutter meine Tritte nicht höre, verließ ich das Haus, was um soleichter, da das Portal zwar noch mit einem großen Wappenschild,aber mit keinen Thüren mehr versehen war; und hastig arbeitete ichmich durch das Laubwerk des wüsten Gartens. Auch kein Laut regtesich, und alles ruhtc»stnmm und ernst im stillen Mondschein. DieSchatten der Bäume waren wie angenagelt auf der Erde Im grünenGrase lag die schöne Göttin ebenfalls regungslos, aber kein steinernerTod, sondern nur ein stiller Schlaf schien ihre lieblichen Glieder ge-fesselt zu halten, und als ich ihr nahte, fürchtete ich schier, daß ichsie durch das geringste Geräusch aus ihrem Schlummer erweckenkönnte. Ich hielt den Atem zurück, als ich mich über sie hinbcngte,um die schönen Gesichtszüge zu betrachten; eine schauerliche Beäng-stigung stieß mich von ihr ab, eine knabenhafte Lüsternheit, zog michwieder zu ihr hin, mein Herz pochte, als wollte ich eine Mvrdthatbegehen, und endlich küßte ich die schöne Göttin mit einer Inbrunst,mit einer Zärtlichkeit, mit einer Verzweiflung, wie ich nie mehr geküßthabe in diesem Leben. Auch nie habe ich diese grauenhaft süße