80 Novellistische Fragmente.
immer de» Jungen nannte; dieser hatte, um die gnädige Herrschaftwürdig zu empfangen, das alte Livreekleid seines verstorbenen Oheimsangezogen, und da er es vorher ein bißchen ausstäuben mußte, ließer nns so lange warten. Hätte man ihm Zeit gelassen, würde erauch Strümpfe angezogen haben; die langen, nackten, roten Beinestachen aber nicht sehr ab von dem grellen Scharlachrock. Ob erdarunter eine Hose trug, weiß ich nicht mehr. Unser Bedienter, derebenfalls die Benennung .Schlichst oft vernommen, machte ein sehrverwundertes Gesicht, als der Jnnge uns zu dem kleinen gebrochenenGebäude führte, wo der selige Herr gewohnt. Er ward aber schierbestürzt, als meine Mutter ihm befahl, die Betten hineinzubringen.Wie konnte er ahnen, daß ans dem .Schlvssist keine Betten befindlich!und die Ordre meiner Mutter, daß er Bettung für nns mitnehmensolle, hatte er entweder ganz überhört oder als überflüssige Müheunbeachtet gelassen.
„Das kleine Hans, das nur eine Etage hoch, in seinen bestenZeiten höchstens fünf bewohnbare Zimmer enthalten, war ein kummer-volles Bild der Vergänglichkeit. Zerschlagene Möbel, zerfetzte Tapeten,keine einzige Fensterscheibe ganz verschont, hier und da der Fußbodenaufgerissen, überall die häßlichen Spuren der übermütigsten Soldaten-wirtschaft. .Die Einquartierung hat sich immer bei uns sehr amüsiert/sagte der Junge mit einem blödsinnigen Lächeln. Die Mutter aberwinkte, daß wir sie allein lassen möchten, und während der Jnngemit Johann sich beschäftigte, ging ich den Garten besehen. Dieserbot ebenfalls den trostlosesten Anblick der Zerstörnis. Die großenBäume waren zum Teil verstümmelt, zum Teil niedergebrochen, undhöhnische Wucherpflanzen erhoben sich über die gefallenen Stämme.Hier und da, an den aufgeschossenen Tnxusbüschen, konnte man die' ehemaligen Wege erkennen. Hier und da standen auch Statuen, denenmeistens die Köpfe, wenigstens die Nasen, fehlten. Ich erinnere micheiner Diana, deren untere Hälfte von dunklem Epheu aufs lächer-lichste umwachsen war, sowie ich mich auch einer Göttin des Über-flusses erinnere, ans deren Füllhorn lauter mißduftendes Unkrauthervorblühte. Nur eine Statue war, Gott weiß wie, von der Bos-heit der Menschen und der Zeit verschont geblieben; von ihrem Posta-mente freilich hatte man sie herabgestürzt ins hohe Gras, aber da lagsie unverstümmclt, die marmorne Göttin mit den reinschönen Gesichts-zügen und mit dem. straffgeteilten, edlen Busen, der wie eine grie-chische Offenbarung aus dem hohen Grase hervorglänzte. Ich erschrakfast, als ich sie sah; dieses Bild flößte mir eine sonderbar schwüleScheu ein, und eine geheime Blödigkeit ließ mich nicht lange bei seinemholden Anblick verweilen.
Als ich wieder zu meiner Mutter kam, stand sie am Fenster,verloren in Gedanken, das Haupt gestützt auf ihrem rechten Arm,