Florcntinische Nächte, 73
befand sich allein bei seiner Frenndin, Nnr dämmernd war dasZimmer von einer einzigen Lampe erhellt. Diese warf dann nndwann furchtsame, halb neugierige Lichter über das Antlitz der krankenFrau, welche ganz angekleidet in weißem Musselin auf einem grün-seidenen Sofa hingestreckt lag und ruhig schlief.
Schweigend mit verschränkten Armen, stand Maximilian einigeZeit vor der Schlafenden nnd betrachtete die schönen Glieder, die dasleichte Gewand mehr offenbarte als verhüllte, und jedesmal, wenn dieLampe einen Lichtstreif über das blasse Antlitz warf, erbebte seinHerz, „Um Gott!" sprach er leise vor sich hin, „was ist das? WelcheErinnerung wird in mir wach? Ja, jetzt weiß ich's, Dieses weißeBild, auf dem grünen Grunde, ja, jetzt , , ,"
In diesem Augenblick erwachte die Kranke, und wie aus derTiefe eines Traumes hervorschauend, blickten ans den Freund diesanften, dunkelblauen Augen, fragend, bittend , . , „An was dachtenSie eben, Maximilian?" sprach sie mit jener schauerlich weichenStimme, wie sie bei Lungenkranken gefunden wird, und worin wirzugleich das Lallen eines Kindes, das Zwitschern eines Vogels unddaS Geröchel eines Sterbenden zu vernehmen glauben, „An wasdachten Sie eben, Maximilian?" wiederholte sie nochmals und erhobsich so hastig in die Höhe, daß die langen Locken ivie aufgeschreckteGoldschlangen ihr Haupt umringelten,
„Um Gott!" rief Maximilian, indem er sie sanft wieder aufsSofa niederdrückte, „bleiben Sie ruhig liegen, sprechen Sie nicht; ichwill Ihnen alles sagen, alles was ich denke, was ich empfinde, jawas ich nicht einmal selber weiß!"
„In der That," fuhr er fort, „ich weiß nicht genau, was icheben hachte und fühlte. Bilder aus der Kindheit zogen mir dämmernddurch den Sinn, ich dachte an daS Schloß meiner Mutter, an denwüsten Garten dort, an die schöne Marmorstatue, die im grünenGrase lag . . , Ich habe ,das Schloß meiner Mutter" gesagt, aberich bitte Sie, beileibe, denken Sie sich darunter nichts Prächtiges undHerrliches! An diese Benennung habe ich mich nun einmal gewöhnt;mein Vater legte immer einen ganz besonderen Ausdruck auf dieWorte ,das Schloß!' und er lächelte dabei immer so eigentümlich.Die Bedeutung dieses Lächelns begriff ich erst später, als ich, einetwa zwölfjähriges Bübchen, mit meiner Mutter nach dem Schlossereiste. Es war meine erste Reise, Wir fuhren den ganzen Tag durcheinen dicken Wald, dessen dunkle Schauer mir immer unvergeßlichbleiben, und erst gegen Abend hielten wir still vor einer langenQnerstange, die uns von einer großen Wiese trennte. Wir mußtenfast eine halbe Stunde warten, ehe aus der nahegelegenen Lehmhütteder Junge kam, der die Sperre wegschob nnd uns einließ. Ich sage,der Junge', weil die alte Warthe ihren vierzigjährigen Neffen noch