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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
74
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74 Novellistische Fragmente.

Ton meiner Stimme. Ich war so entsetzlich, wie der Mensch es nnrimmer sein kann, wenn er keine Suppe gegessen und sein besterFreund einen Stich in die Lunge bekommen.

Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt? Diese Wortewiederholte ich, während das schuldbewußte Weib starr und sprachlosvor mir stand. Endlich aber, wie aus geöffneten Schleusen, stürztenaus ihren Augen die Thränen. Sie überschwemmten ihr ganzesAntlitz und tröpfelten bis in den Kanal ihres Busens. Dieser An-blick konnte jedoch meinen Zorn nicht erweichen, und mit verstärkterBitterkeit sprach ich: O ihr Weiber, ich weiß, daß ihr weinen könnt;aber Thränen sind keine Suppe. Ihr seid erschaffen zu unseremUnheil. Euer Blick ist Lug, und euer Hauch ist Trug. Wer hatzuerst vom Apfel der Sünde gegessen? Gänse haben das Kapitalgerettet, aber durch ein Weib ging Trvja zu Grunde. O Troja,Troja, des Priamos heilige Feste, dm bist gefallen durch die Schuldeines Weibes! Wer hat den Marcus Antonius ins Verderben ge-stürzt? Wer ließ den Marcus Tullius Cicero ermorden? Wer ver-langte den Kopf Johannis des Täufers? Wer war Ursache vonNbälardS Verstümmelung? Ein Weib! Die Geschichte ist voll Bei-spiele, wie wir durch euch zu Grunde gehen. All euer Thun istThorheit und all euer Denken ist Undank. Wir geben euch dasHöchste, die heiligste Flamme des Herzens, unsere Liebe — was gebtihr uns als Ersatz? Fleisch, schlechtes Rindfleisch, noch schlechteresHühnerfleisch — Ungeheuer, warum hast du keine Suppe geschickt!

Vergebens begann Myfrvw jetzt eine Reihe von Entschuldigungenherznstammeln und mich bei allen Seligkeiten unserer genossenenLiebe zu beschwören, ihr diesmal zu verzeihen. Sie wollte mir vonnun an noch besseres Essen schicken als früher und noch immer nnrsechs Gulden die Portion anrechnen, obgleich der groote Dohlenwirtfür sein ordinäres Essen sich acht Gulden bezahlen läßt. Sie gingso weit, mir für den folgenden Tag Austerpastete zu versprechen; ja,in dem weichen Ton ihrer Stimme dufteten sogar Trüffeln. Aber ichblieb standhast, ich war entschlossen, auf immer zu brechen, und ver-ließ die Küche mit den tragischen Worten: Adien, für dieses Lebenhaben wir ausgekocht!

Im Fortgehen hörte ich etwas zu Boden fallen. War es irgendein Küchentopf oder Myfrow selber? Ich nahm mir nicht einmal dieMühe nachzusehen, und ging direkt nach der grooten Dohlen, umsechs Portionen Essen für den nächsten Tag zu bestellen.

Nach diesem wichtigsten Geschäft eilte ich nach der Wohnung deskleinen Simson, den ich in einem sehr schlechten Zustand fand. Erlag in einem großen altfränkischen Bette, das keine Vorhänge hatte,und an dessen Ecken vier große marmorierte Holzsäulen befindlichwaren, die oben einen reich vergoldeten Betthimmel trugen. Das