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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
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72 Novellistische Fragmente.

dünnen Gliedmaßen des armen Sünders. Dieser, also unangenehmgeweckt aus seinem biblischen Traum, schrie so laut, als ob die Haupt-stadt Susa in Feuer und Holland in Wasser stünde, und brachte mitseinem Geschrei die Nachbarschaft in Aufruhr.

Den andern Tag hieß es in ganz Lehden, mein HauSwirt habesolch großes Geschrei erhoben, weil er mich des Nachts in der Gesell-schaft seiner Gattin gesehen. Man hatte letztere halbnackt am Fenstererblickt; und unsere Hausmngd, die mir gram war, und von derWirtin zur roten Kuh über dies Ereignis befragt worden, erzählte,daß sie selber gesehen, wie Mhfrow mir in meinem Schlafzimmereinen nächtlichen Besuch abgestattet.

Ich kann nicht ohne gewaltigen Kummer an dieses Ereignisdenken. Welche fürchterliche Folgen!

Kapitel xm.

Wäre die Wirtin zur roten Kuh eine Italienerin gewesen, soHütte sie vielleicht mein Essen vergiftet; da sie aber eine Holländerinwar, so schickte sie mir schlechtes Essen. Schon deS andern Mittagserduldeten wir die Folgen ihres weiblichen Unwillens. Das ersteGericht war: keine Suppe. Das war schrecklich, besonders für einenwohlerzogenen Menschen wie ich, der von Jugend auf alle TageSuppe gegessen, der sich bis jetzt gar keine Welt denken konnte, wonicht deS Morgens die Sonne'aufgeht und des Mittags die Suppeaufgetragen wird. Das zweite Gericht bestand aus Rindfleisch, welcheskalt und hart war wie Myrons Kuh. Drittens kam ein Schellfisch,der ans dem Halse roch wie ein Mensch. Viertens kam ein großesHuhn, das, weit entfernt unseren Hunger stillen zu wollen, so magerund abgezehrt aussah, als ob es selber Hunger hätte, so daß maufast vor Mitleid nichts davon essen konnte.

Und nun, kleiner Simson, rief der dicke Dricksen, glaubst du nochan Gott? Ist das Gerechtigkeit? Die Frau Bandagistiu besucht dcuSchnabelcwopSki in der dunkeln Nacht, und wir müssen dafür schlechtessen am hellen, lichten Tag!

O Gott! Gott! seufzte der Kleine, gar verdrießlich wegen solcheratheistischer Ausbrüche und vielleicht auch wegen des schlechten Essens.Seine Verdrießlichkeit stieg, als auch der lange Van Pitter seine Witzegegen die Anthropvmorphisten losließ und die Ägypter lobte, die einstOchsen und Zwiebeln verehrten; denn erstere, wenn sie gebraten, undletztere, wenn sie gestovt, schmeckten ganz göttlich.

Des kleinen simsons Gemüt wurde aber durch solche Spöttereienimmer bitterer gestimmt, und er schloß endlich folgendermaßen seineApologie des Deismus: Was die Sonne für die Blumen ist, das istGott für die Menschen. Wenn die Strahlen jenes himmlischen Gc-