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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
70
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7 k) Novellistische Fragmente.

träumen. Nur leise und wenig träumten die Alten; ein starker, ge-waltiger Traum war bei ihnen ein Ereignis und wurde in die Ge-schichtsbücher eingetragen. Das rechte Träumen beginnt erst bei denJuden, dem Volke des Geistes, und erreichte seine höchste Blüte beiden Christen, dem Geistervolk. Unsere Nachkommen werden schau-dern, wenn sie einst lesen, welch ein gespenstiges Dasein wir geführt,wie der Mensch in uns gespalten war und nur die eine Hälfte eineigentliches Leben geführt. Unsere Zeit — und sie beginnt amKreuze Christi — wird als eine große Krankheitsperiode der Mensch-heit betrachtet werden.

Und doch, welche süße Träume haben wir träumen können!Unsere gesunden Nachkommen werden es kaum begreifen. Um unsher verschwanden alle Herrlichkeiten der Welt, und wir fanden siewieder in unserer inneren Seele — in unsere Seele flüchtete sich derDust der zertretenen Rosen und der lieblichste Gesang der verscheuchtenNachtigallen —

Ich weiß das alles, und sterbe an den unheimlichen Ängsten undgrauenhaften Süßigkeiten unserer Zeit. Wenn ich des Abends michauskleide und zu Bette lege, und die Beine lang ausstrecke, undmich bedecke mit dem weißen Laken, dann schaudere ich manchmal un-willkürlich, und mir kommt in den Sinn, ich sei eine Leiche, und ichbegrübe mich selbst. Dann schließe ich hastig die Augen, um diesemschauerlichen Gedanken zu entrinnen, um mich zu retten in das Landder Träume.

Es war ein süßer, lieber, sonniger Traum. Der Himmel himmel-blau und wolkenlos, das Meer meergrün und still. Unabsehbar weiteWasserfläche, und darauf schwamm ein buntgewimpeltes Schiff, undauf dem Verdeck saß ich kosend zu den Füßen Jadvigas. Schwärme-rische Liebeslieder, die ich selber auf rosige Papicrstreifen geschrieben,las ich vor, heiter seufzend, und sie horchte niit ungläubig geneigtemOhr und sehnsüchtigem Lächeln, und riß mir zuweilen hastig dieBlätter aus der Hand und warf sie ins Meer. Aber die schönenNixen, mit ihren schneeweißen Busen und Armen, tauchten jedesmalaus dem Wasser empor und erhaschten die flatternden Lieder derLiebe. Als ich mich über Bord beugte, konnte ich ganz klar bis indie Tiefe des Meeres Hinabschanen, und da saßen, wie in einem ge-sellschaftlichen Kreise die Nixen, und in ihrer Mitte stand ein jungerNix, der mit gefühlvoll belebtem Angesicht meine Liebeslieder dekla-mierte. Ein stürmischer Beifall erscholl bei jeder Strophe; die grün-lockigen Schönen applaudierten so leidenschaftlich, daß Brust undNacken erröteten, und sie lobten mit einer freudigen, aber doch zu-gleich mitleidigen Begeisterung: „Welche sonderbare Wesen sind dieseMenschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! wie tragisch ihr ganzesSchicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen, und