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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
68
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68 Novellistische Fragmente.

wenn man an der andern Seite deS Kanals vorbeiging, glaubteman eine alte Hexe zu sehen, die sich in einem glänzenden Znnber-spiegel betrachtete. Auf dem Dache standen immer ein paar Störche,wie auf allen holländischen Dächern. Neben mir logierte die Kuh,deren Milch ich des Mvrgens trank, und unter meinem Fenster warein Hühnersteig. Meine gefiederten Nachbarinnen lieferten gute Eier;aber da ich immer, ehe sie deren zur Welt brachten, ein langesGackern, gleichsam die langweilige Vorrede zu deren Eiern, anhörenmußte, so wurde mir der Genuß derselben ziemlich verleitet. Zu denUnannehmlichkeiten meiner Wohnung gehörten aber zwei der fatalstenMißstände, erstens das Violinspiclen, womit man meine Ohrenwährend des Tages belästigte, und dann die Störungen deS Nachts,wenn meine Wirtin ihren armen Mann mit ihrer sonderbaren Eifer-sucht verfolgte.

Wer das Verhältnis meines Hanswirts zu meiner Frau Wirtinkennen lernen wollte, brauchte nur beide zu hören, wenn sie mit-einander Musik machten. Der Mann spielte das Violoncello, unddie Frau spielte das sogenannte Biolon d'Amour; aber sie hielt nieTempo und war dem Manne immer einen Takt voraus und wußteihrem unglücklichen Instrumente die grellfeinsten Keislaute abzuquälen;wenn das Cello brummte und die Violine greinte, glaubte man einzankendes Ehepaar zu hören. Auch spielte die Frau noch immerweiter, wenn der Mann längst fertig war, daß es schien, als wolltesie das letzte Wort behalten. Es war ein großes, aber sehr mageresWeib, nichts als Haut und Knochen, ein Maul, worin einige falscheZähne klapperten, eine kurze Stirn, fast gar kein Kinn und einedesto längere Nase, deren Spitze wie ein Schnabel sich herabzog, undwomit sie zuweilen, wenn sie Violine spielte, den Ton einer Saitezu dämpfen schien.

Mein HauSwirt war etwa fünfzig Jahre alt und ein Mannvon sehr dünnen Beinen, abgezehrt bleichem Antlitz und ganz kleinengrünen Auglein, womit er beständig blinzelte, wie eine schildwache,welcher die Sonne ins Gesicht scheint. Er war seines Gewerbes einBruchbandmacher und seiner Religion nach ein Wiedertäufer. Erlas sehr fleißig in der Bibel. Diese Lektüre schlich sich in seine nächt-lichen Träume, und mit blinzelnden Auglein erzählte er seiner Fraudes Morgens beim Kaffee, wie er wieder hochbegnadigt worden, wiedie heiligsten Personen ihn ihres Gespräches gewürdigt, wie er sogarmit der allerhöchst heiligen Majestät Jehovahs verkehrt, und wie alleFrauen des Alten Testaments ihn mit der freundlichsten und zärt-lichsten Aufmerksamkeit behandelt. Letzterer Umstand war meinerHauswirtin gar nicht lieb, und nicht selten bezeigte sie die eifersüch-tigste Mißlaune über ihres Mannes nächtlichen Umgang mit denWeibern des Alten Testamentes. Wäre es noch, sagte sie, die keusche