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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Memoiren des Herrn von Schnadelewopski. 67

wie er ihm in jener Strafpredigtpvsitur, ohne es zu ahnen, Modellgesessen. Das Bild ist vortrefflich und hing in meinem Schlafzimmerzu Lehden.

Nachdem ich in Holland so viele Bilder von Jan Steen gesehen,ist mir, als kennte ich das ganze Leben des Mannes. Ja, ich kenneseine sämtliche Sippschaft, seine Frau, seine Kinder, seine Mutter,alle seine Bettern, seine Hausfeinde und sonstige Angehörigen, ja, ichkenne sie von Angesicht zu Angesicht. Grüßen uns doch diese Ge-sichter aus allen seinen Gemälden hervor, und eine Sammlung der-selben wäre eine Biographie des Malers. Er hat oft mit einemeinzigen Pinselstrich die tiefsten Geheimnisse seiner Seele darin ein-gezeichnet. So glaube ich, seine Frau hat ihm allzuoft Vorwürfegemacht über sein vieles Trinken. Denn auf dem Gemälde, welchesdas Bohnenfest vorstellt, und wo Jan mit seiner ganzen Familie zuTische sitzt, da sehen wir seine Frau mit einem gar großen Weinkrngin der Hand, und ihre Augen leuchten wie die einer Bacchantin. Ichbin aber überzeugt, die gute Frau hat nie zuviel Wein genossen, undder Schalk hat uns weiß machen wollen, nicht er, sondern seine Frauliebe den Trunk. Deshalb lacht er desto vergnügter aus dem Bildehervor. Er ist glücklich: er sitzt in der Mitte der Seinigen; seinSöhnchen ist Bohnenkönig und steht mit der Krone von Flittergoldauf einem Stuhle; seine alte Mutter, in ihren Gesichtsfalten das seligsteSchmunzeln, trägt das jüngste Enkelchen ans dem Arm; die Musikantenspielen ihre närrisch lustigsten Hopsamelodieen; und die sparsam be-dächtige, ökonomisch schmollende Hausfrau ist bei der ganzen Nachweltin den Verdacht hineingemalt, als sei sie besoffen.

Wie oft, in meiner Wohnung zu Lehden, konnte ich mich ganzeStunden lang in die häuslichen Sccnen zurückdenken, die der vor-treffliche Jan dort erlebt und erlitten haben mußte. Manchmalglaubte ich, ich sähe ihn leibhaftig selber an seiner Staffelei sitzen,dann und wann nach dem großen Henkelkrng greifen, „überlegen unddabei trinken, und dann wieder trinken, ohne zu überlegen". Daswar kein trübkatholischer Spuk, sondern ein modern Heller Geist derFreude, der nach dem Tode noch sein altes Atelier besucht, um lustigeBilder zu malen und zu trinken. Nur solche Gespenster werden unsereNachkommen zuweilen schauen, am lichten Tage, während die Sonnedurch die blanken Fenster schaut und vom Turme herab keine schwarzdumpfen Glocken, sondern rotjanchzende Trompetentöne die lieblicheMittagstunde ankündigen.

Die Erinnerung an Jan Steen war aber das Beste, oder viel-mehr das einzig Gute an meiner Wohnung zu Lehden. Ohne diesengemütlichen Reiz hätte ich darin keine acht Tage ausgehakten. DasÄußere des Hauses war elend und klüglich und mürrisch, ganz un-holländisch. Das dunkle morsche Haus stand dicht am Wasser, und

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