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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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66 Novellistische Fragmente.

Mohr, sein Pudel und sein Asse. Diese vier zausten sich und bissensich untereinander, während daS Kind und der grüne Papagei,welcher ans der Stange saß, beständig Bravo! riefen. Endlich erhobsich Mynheer vom Boden, kniete vor dein Kinde nieder, rühmte ineiner ernsthaften lateinischen Rede den Mut, womit er seine Feindebekämpft und besiegt, ließ sich von der Kleinen den welken Lorbeer-kranz auf das Haupt setzen, — und Bravo! Bravo! rief daS Kindund der Papagei und ich, welcher jetzt ins Zimmer trat.

Mynheer schien etwas bestürzt, daß ich ihn in seinen Wunderlich-keiten überrascht. Diese, wie man mir später sagte, trieb er alleTage; alle Tage besiegte er den Mohr, den Pudel und- den Affen;alle Tage ließ er sich belorbeeren von dem kleinen Mädchen, welchesnicht sein eigenes Kind, sondern ein Findling aus dem Waisenhausevon Amsterdam war.

Kapitel xi.

Das Haus, worin ich zu Lehden logierte, bewohnte einst JanSteen, der große Jan Steen, den ich für ebenso groß halte wieRaffael. Auch als religiöser Maler war Jan ebenso groß, unddas wird man einst ganz klar einsehen, wenn die Religion desSchmerzes erloschen ist und die Religion der Freude den trieben Florvon den Rosenbüschen dieser Erde fvrtreißt und die Nachtigallen endlichihre lang verheimlichten Entzückungen hervorjauchzen dürfen.

Aber keine Nachtigall wird je so heiter und jubelnd singen, wieJait Steen gemalt hat. Keiner hat so tief wie er begriffen, daß aufdieser Erde ewig Kirmes sein sollte: er begriff, daß unser Leben nurein farbiger Kuß Gottes sei, und er wußte, daß der heilige Geist sicham herrlichsten offenbart im Licht und Lachen.

Sein Auge lachte ins Licht hinein, und daS Licht spiegelte sichin seinem lachenden Auge.

Und Jan blieb immer ein gutes, liebes Kind. Als der altestrenge Prädikant von Leyden sich neben ihn an den Herd setzte, undeine lange Vermahnnng hielt über sein fröhliches Leben, seinen lachendunchristlichen Wandel, seine Trunkliebe, seine ungeregelte Wirtschaftund seine verstockte Lustigkeit, da hat Jan ihm zwei Stunden langganz ruhig zugehört, und er verriet nicht die mindeste Ungeduld überdie lange Strafpredigt, und nur einmal unterbrach er sie mit denWorten: „Ja, Domine, die Beleuchtung wäre dann viel besser, ja ichbitte Euch, Domine, dreht Euren Stuhl ein klein wenig dein Kaminezu, damit die Flamme ihren roten Schein über Euer ganzes Gesichtwirft und der übrige Körper im Schatten bleibt — —"

Der Domine stand wütend auf und ging davon. Jan aber griffsogleich nach der Palette und malte den alten strengen Herrn, ganz