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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 6b

vom Munde wegschoß, da blieb Van Moeulens Gesicht so bewegungsloswie Käse, und im gleichgültig ruhigsten Tone rief er: Jan, e nüePiep! Fatal war mir an ihm sein Lächeln, denn alsdann zeigte ereine Reihe ganz kleiner weißer Zähnchen, die eher wie Fischgräte aus-sahen. Auch mißfiel mir, daß er große goldene Ohrringe trug. Erhatte die sonderbare Gewohnheit, alle Tage in seiner Wohnung dieAufstellung der Möbel zu verändern, und wenn man zu ihm kam,fand man ihn entweder beschäftigt, die Kommode an die Stelle desBettes, oder den Schreibtisch an die Stelle des Sofas zu sehen.

Der kleine Simson bildete in dieser Beziehung den ängstlichstenGegensatz. Er konnte nicht leiden, daß man in seinem Zimmer dasMindeste verrückte; er wurde sichtbar unruhig, wenn man dort auchnur das Mindeste, sei es auch nur eine Lichtschere, zur Hand nahm.Alles mußte liegen bleiben, wie eS lag. Denn seine Möbel undsonstigen Effekten dienten ihm als Hilfsmittel, nach den Vorschriftender Mnemonik allerlei historische Daten oder philosophische Sätze inseinem Gedächtnisse zu fixieren. Als einst die Hausmagd in seinerAbwesenheit einen alten Kästen ans seinem Zimmer fortgeschafft undseine Hemden und Strümpfe aus der Kommode genommen, nur siewaschen zu lassen, da war er untröstlich, als er nach Hanse kam, under behauptete, er wisse jetzt gar nichts mehr von der assyrischen Ge-schichte, und alle seine Beweise für die Unsterblichkeit der Seele, dieer so mühsam in den verschiedenen Schubladen ganz systematisch ge-ordnet, seien jetzt in die Wäsche gegeben.

Zu den Originalen, die ich in Lehden kennen gelernt, gehörtauch Mynheer Van der Pissen, ein Vetter Van Moeulens, der michbei ihm eingeführt. Er war Professor der Theologie an der Uni-versität, und ich hörte bei ihm das hohe Lied Snlomvnis und dieOffenbarung Johannis. Er war ein schöner, blühender Mann, etwafünfnnddreißig Jahre alt und auf dem Katheder sehr ernst und gesetzt.Als ich ihn aber einst besuchen wollte und in seinem WohnzimmerNiemanden fand, sah ich durch die halbgeöffnete Thür eines Seitcn-knbinetts ein gar merkwürdiges Schauspiel. Dieses Kabinett warhalb chinesisch, halb pompadvurisch verziert: an den Wänden goldigschillernde Damasttapeten; auf dem Boden der kostbarste persischeTeppich: überall wunderliche Porzellaupagoden, Spielsachen von Perl-mutter, Blumen, Strnußfedcrn und Edelsteine; die Sessel von rotemSammet mit Goldtrvddcln, und darunter ein besonders erhöhterSessel, der wie ein Thron aussah, und «vorauf ein kleines Mädchensaß, das etwa drei Jahre alt sein mochte, und in blauen silber-gcsticktcn Atlas, jedoch sehr altfränkisch, gekleidet war und in dereinen Hand, gleich einem Zepter, einen bunten Pfauenwcdel und inder andern einen welken Lorbeerkranz emporhielt. Vor ihr aberauf dem Boden wälzten sich Mynhccr Van der Pissen, sein kleiner

Heine 's Werke. XI. Vd. ü