64 Novellistische Fragmente.
Ärmchen des kleinen Simson, hielt ihn ruhig fest, setzte ihn, seinSystem ganz ruhig auseinander, ohne die Pfeife anS dem Mundezu nehmen, und blies ihm dann seine dünnen Argumente mit-samt dem dicksten Tabaksdampf ins Gesicht, so daß der Kleinefast erstickte vor Rauch und Ärger, und immer leiser und hilfeflehendwimmerte: O Gott! o Gott! Aber der half ihm nie, obgleich erdessen eigene Sache verfocht.
Trotz dieser göttlichen Indifferenz, trotz diesem fast menschlichenUndank Gottes, blieb der kleine Simson doch der beständige Championdes DeiSmus, und ich glaube, aus angeborener Neigung. Denn seineVäter gehörten zu dem auserwähltcn Volke Gottes, einem Volke, dasGott einst mit seiner besonderen Liebe protegiert, und das daher bisauf diese Stunde eine gewisse Anhänglichkeit für den lieben Gottbewahrt hat. Die Juden sind immer die gehorsamsten Deisten,namentlich diejenigen, welche, wie der kleine Simson, in der freienStadt Frankfurt geboren sind. Diese können bei politischen Fragenso republikanisch als möglich denken, ja sich sogar sanSculottisch imKote wälzen; kommen aber religiöse Begriffe ins Spiel, dann bleibensie unterthänige Kammerknechte ihres Jehovah, des alten Fetisch, derdoch von ihrer ganzen Sippschaft nichts mehr wissen will und sich zueinem gottreinen Geiste umtaufen lassen.
Ich glaube, dieser gottreine Geist, dieser Parvenü des Himmels,der jetzt so moralisch, so kosmopolitisch und universell gebildet ist,hegt ein geheimes Mißwollen gegen die armen Juden, die ihn nochin seiner ersten rohen Gestalt gekannt haben und ihn täglich inihren Synagogen an seine ehemaligen obskuren Nationalvcrhältnisseerinnern. Vielleicht will es der alte Herr gar nicht mehr wissen, daßer palästinischen Ursprungs und einst der Gott Abrahams, Isaaksund Jakobs gewesen und damals Jehovah geheißen hat.
Knpitcl x.
Mit dem kleinen Simson hatte ich zu Lehden sehr vielen Um-gang, und er wird in diesen Denkblättern noch oft erwähnt werden.Außer ihm sah ich am öftesten einen andern meiner Tischgenossen,den jungen Van Moeulen; ich konnte ganze Stunden lang seinschönes Gesicht betrachten und dabei an seine Schwester denken, dieich nie gesehen, und wovon ich nur wußte, daß sie die schönste Frauim Waterland sei. Van Moeulen war ebenfalls ein schönes Menschen-bild, ein Apollo, aber kein Apollo von Marmor, sondern viel ehervon Käse. Er war der vollendetste Holländer, den ich je gesehen.Ein sonderbares Gemisch von Mut und Phlegma. Als er einst imKaffeehause einen Jrländer so sehr erzürnt, daß dieser eine Pistoleauf ihn losdrückte und, statt ihn zu treffen, ihm nur die irdene Pfeife