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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Memoiren des Herrn von SchuabelewopSki. 63

die Alpen gestiegen, oder hätte ich mich nicht manchmal auf dieRuinen von Karthago gesetzt, so wurden meine Tischgenosscn beständigschlechtes Essen bekommen haben.

Kapitel ix.

Wenn der Braten ganz schlecht war, disputierten wir über dieExistenz Gottes. Der liebe Gott hatte aber immer die Majorität.Nur drei von der Tischgenossenschaft waren atheistisch gesinnt; aberauch diese ließen sich überreden, wenn wir wenigstens guten Käsezum Dessert bekamen. Der eifrigste Deist war der kleine Simson,und wenn er mit dein langen Van Pitter über die Existenz Gottesdisputierte, wurde er zuweilen höchst ärgerlich, lief im Zimmer ansund ab und schrie beständig: Das ist, bei Gott! nicht erlaubt. Derlange Van Pitter, ein magerer Friese, dessen Seele so ruhig ivic dasWasser in einem holländischen Kanal, und dessen Worte sich ruhighinzogen wie eine Trckschnite, holte seine Argumente ans der deutschenPhilosophie, womit man sich damals in Lehden stark beschäftigte. Erspöttelte über die engen Köpfe, die dem lieben Gott eine Privat-existenz zuschreiben, er beschuldigte sie sogar der Blasphemie, indemsie Gott mit Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe und ähnlichen menschlichenEigenschaften versähen, die sich gar nicht für ihn schickten; denn dieseEigenschaften seien gewissermaßen die Negation von menschlichen Ge-brechen, da wir sie nur als Gegensatz zu menschlicher Dummheit,Ungerechtigkeit und Haß aufgefaßt haben. Wenn aber Van Pittcrseine eigenen pantheistischen Ansichten entwickelte, so trat der dickeFichteaner, ein gewisser Tricksen aus Utrecht, gegen ihn aus, undwußte seinen vagen, in der Natur verbreiteten, also immer im Räumeexistierenden Gott gehörig durchzuhecheln, ja er behauptete, es seiBlasphemie, wenn man auch nur von einer Existenz Gottes spricht,indem „Existieren" ein Begriff sei, der einen gewissen Raum, kurzetwas Substantielles voraussetze. Ja, eS sei Blasphemie, von Gottzu sagen: „Er ist;" das re.instc Sein könne nicht ohne sinnliche Be-schränkung gedacht werden; wenn man Gott denken wolle, müsse manvon aller Substanz abstrahieren, man müsse ihn nicht denken alseine Form der Ausdehnung, sondern als eine Ordnung der Begeben-heiten; Gott sei kein Sein, sondern ein reines Handeln, er sei nurPrinzip einer übersinnlichen Weltordnung.

Bei diesen Worten aber wurde der kleine Simson immer ganzwütend und lief noch toller im Zimmer herum, und schrie nochlauter: O Gott! Gott! das ist, bei Gott! nicht erlaubt, v Gott! Ichglaube, er hätte den dicken Fichteaner geprügelt zur Ehre Gottes,wenn er nicht gar zu dünne Ärmchen hatie. Manchmal stürmte erauch wirklich auf ihn los; dann aber nahm der Dicke die beiden