62 Novellistische Fragmente.
welche mir die vortreffliche Wirtin alle Tage ins Haus schickte. MeineTischgcnossen, sechs andere Studenten, die auf meiner Stube mit miraßen, konnten an der Zubereitung des Kalbsbratens oder des Ochsen-filcts jedesmal schmecken, wie sehr sie mich liebte, die Frau Wirtinzur roten Kuh. Wenn das Essen einmal schlecht war, mußte ichviele demütige Spötteleien ertragen, und es hieß dann: Seht, wieder Schnabelewopski miserabel aussieht, wie gelb und rnnzlicht seinGesicht, wie katzenjttmmerlich seine Äugen, als wollte er sie sich ansdem Kopfe heraustragen, es ist kein Wunder, daß unsere Wirtin seinerüberdrüssig wird und uns jetzt schlechtes Essen schickt. Oder mansagte auch: Um Gottes willen, der Schnabelewopski wird täglichschwächer und matter und verliert am Ende ganz die Gunst unsererWirtin, und wir kriegen dann immer schlechtes Essen wie heute —wir müssen ihn tüchtig füttern, damit er wieder ein feuriges Äußeregewinnt. Und dann stopften sie mir just die allerschlechtesten Stückeins Maul und nötigten mich, übergebührlich viel Sellerie zu essen.Gab es aber magere Küche mehrere Tage hintereinander, dann wurdeich mit den ernsthaftesten Bitten bestürmt, für besseres Essen zu sorgen,das Herz unserer Wirtin aufs neue zu entflammen, meine Zärtlichkeitfür sie zu erhöhen, kurz, mich fürs allgemeine Wohl aufzuopfern.In langen Reden wurde mir dann vorgestellt, wie edel, wie herrliches sei, wenn jemand für das Heil seiner Mitbürger sich heroischresigniert, gleich dem Regnlns, welcher sich in eine alte vernagelteTonne stecken ließ, oder auch gleich dem Thesens, welcher sich in dieHöhle des Minvtaurs freiwillig begeben hat — und dann wurde derLivius citiert und der Plutarch n. s. w. Auch sollte ich bildlich zurNacheifcrung gereizt werden, indem man jene Großthaten ans dieWand zeichnete, und zwar mit grotesken Anspielungen; denn derMinvtanr sah ans wie die rote Kuh ans dem wohlbekannten Wirts-hansschilde, und die karthaginiensische vernagelte Tonne sah aus wiemeine Wirtin selbst. Überhaupt hatten jene undankbaren Menschendie äußere Gestalt der vortrefflichen Frau zur beständigen Zielscheibeihres Witzes gewählt. Sie pflegten gewöhnlich ihre Figur aus Äpfelnzusammen zu setzen oder aus Brotkrumen zu kneten. Sie nahmendann ein kleines Äpfelchcn, welches der Kopf sein sollte, setzten diesesauf einen ganz großen Apfel, welcher den Bauch vorstellte, und dieserstand wieder auf zwei Zahnstochern, welche sich für Beine ausgaben.Sic formten auch wohl ans Brotkrumen das Bild unserer Wirtinund kneteten dann ein ganz winziges Püppchen, welches mich selbervorstellen sollte, und dieses setzten sie dann auf die große Figur undrissen dabei die schlechtesten Vergleiche. Z. B. der eine bemerkte, diekleine Figur sei Hannibal, welcher über die Alpen steigt. Ein anderermeinte hingegen, es sei Marius, welcher auf den Ruinen von Karthagositzt. Dem sei nun, wie ihm wolle, wäre ich nicht manchmal über