Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

Memoiren des Herrn von Schnabelewopski. 81

kuchcn mit Äpfeln und Speck, tugendhafte Hausklößc, Sauerkohl —wohl dem, der es verdauen kann!

Was die holländische Küche betrifft, so unterscheidet sie sich vonletzterer erstens durch die Reinlichkeit, zweitens durch die eigentlicheLeckcrkeit. Besonders ist die Zubereitung der Fische unbeschreibbarliebenswürdig. Rührend inniger und doch zugleich ticfsinulicherSellcrieduft. Selbstbewußte Naivetnt und Knoblauch. Tadelhaftjedoch ist es, daß sie Unterhosen von Flanell tragen; nicht die Fische,sondern die schönen Töchter des meerumspültcn Holland.

Aber zu Lehden, als ich ankam, fand ich das Essen fürchterlichschlecht. Die Republik Hamburg hatte mich verwöhnt; ich muß diedortige Küche nachträglich noch einmal loben, und bei dieser Gelegen-heit preise ich noch einmal Hamburgs schöne Mädchen und Frauen.O ihr Götter! in den ersten vier Wochen, wie sehnte ich mich zurücknach den Rauchflcischlichkcitcn und nach den Mocktnrtcltaubcn Ham-mvnins! Ich schinachtete an Herz und Magen. Hätte sich nichtendlich die Frau Wirtin zur roten Kuh in mich verliebt, ich wärevor Sehnsucht gestorben!

Heil dir, Wirtin zur roten Kuh!

Es war eine untersetzte Frau mit einem sehr großen rundenBauche und einem sehr kleineu runden Kopfe. Rote Wttngelein,blaue Angelein; Rosen und Veilchen. Stundenlang saßen wir bei-sammen im Garten und tranken Thee aus echt chinesischen Porzellan-tassen. Es war ein schöner Garten, viereckige und dreieckige Beete,symmetrisch bestreut mit Goldsand, Zinnober und kleinen blankenMuscheln. Die Stämme der Bäume hübsch rot und blau angestrichen.Kupferne Käfige voll Kanarienvögel. Die kostbarsten Zwiebelgewächsein buntbemalten, glasierten Töpfen. Der TaxuS allerliebst künstlichgeschnitten, mancherlei Obelisken, Pyramiden, Vasen, auch Tier-gestalten bildend. Da stand ein aus Taxus geschnittener grüner Ochs,welcher mich fast eifersüchtig ansah, wenn ich sie umarmte, die holdeWirtin zur roten Kuh.

Heil dir, Wirtin zur roten Kuh!

Wenn Myfrvw den Oberteil des Kopfes mit den friesischen Gold-platten umschildet, den Bauch mit ihrem buntgeblümten Damastrockcingcpanzert und die Arme mit der weißen Fülle ihrer BrabanterSpitzen gar kostbar belastet hatte, dann sah sie ans wie sine fabel-hafte chinesische Puppe, wie etiva die Göttin des Porzellans. Wennich alsdann in Begeisterung geriet und sie auf beide Backen lautküßte, so blieb sie ganz porzellanig steif stehen und seufzte ganz pvr-zellanig; Mynheer! Alle Tulpen des Gartens schienen dann mitgerührtund mitbewegt zu sein und schienen mitznseufzeiw Mynheer!

Dieses delikate Verhältnis schaffte mir manchen delikaten Bissen.Denn jede solche Liebesscene inflnenzierte auf den Inhalt der Eßkörbe,