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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
60
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KV Novellistische Fragmente.

Ich will beileibe die Holländerinnen nicht auf Kosten der Damenanderer Länder hervorstreichen. Bewahre mich der Himmel vor solchemUnrecht, welches von meiner Seite zugleich der größte Undank wäre.JedeS Land hat seine besondere Küche und seine besonderen Weiblich-keiten, und hier ist alles Gcschmacksache. Der eine liebt gebrateneHühner, der andere gebratene Enten; was mich betrifft, ich liebegebratene Hühner und gebratene Enten und noch außerdem gebrateneGänse. Von hohem idealischen Standpunkte betrachtet, haben dieWeiber überall eine gewisse Ähnlichkeit mit der Küche des Landes.Sind die britischen Schönen nicht ebenso gesund, nahrhaft, solide,konsistent, kunstlos und doch so vortrefflich wie Altcnglands einfachgute Kost: Rostbeef, Hammelbraten, Pudding in flammendem Cognac,Gemüse in Wasser gekocht, nebst zwei Saucen, wovon die eine anszerlassener Butter besteht? Da lächelt kein Frikassee, da täuscht keinflatterndes Vol-au-vsut, da seufzt kein geistreiches Ragout, da tändelnnicht jene tausendartig gestopften, gesottenen, aufgehüpften, gerösteten,dnrchzuckertcn, pikanten, deklamatorischen und sentimentalen Gerichte,die wir bei einem französischen Restaurant finden, und die mit denschönen Französinnen selbst die größte Ähnlichkeit bieten! Merkenwir doch nicht selten, daß bei diesen ebenfalls der eigentliche Stoffnur als Nebensache betrachtet wird, daß der Braten selber manchmalweniger wert ist, als die Sauce, daß hier Geschmack, Grazie undEleganz die Hauptsache sind. Italiens gelbfette, leidenschaftgewürzte,humoristisch garnierte, aber doch schmachtend idealische Küche trägtganz den Charakter der italienischen Schönen. O, wie sehne ich michmanchmal nach den lombardischen Stuffados und Zampettis, nach denFcgatellis, Tagliarinis und BroccoliS des holdseligen Toskana! Allesschwimmt in Ol, träge und zärtlich, und trillert Rossinis süßeMelodien, und weint vor Zwiebelduft und Sehnsucht! Den Macca-roni mußt du aber mit den Fingern essen, und dann heißt er:Beatrice!

Nur gar zu oft denke ich an Italien, und am öftesten des Nachts.Vorgestern träumte mir, ich befände mich in Italien und sei einbunter Harlekin und läge recht faulenzerisch unter einer Trauerweide.Die herabhängenden Zweige dieser Trauerweide waren aber lauterMaccaroni, die mir lang und lieblich bis ins Manl hineinfielen;zwischen diesem Laubwerk von Maccaroni flössen statt Sonnenstrahlenlauter gelbe Butterströme, und endlich fiel von oben herab ein weißerRegen von geriebenem Parmesankäse.

Ach! von geträumtem Maccaroni wird man nicht satt — Beatrice!

Von der deutschen Küche kein Wort. Sie hat alle möglichenTugenden und nur einen einzigen Fehler; ich sage aber nicht, welchen.Da giebt's gefühlvolles, jedoch unentschlossenes Backwerk, verliebteEierspeisen, tüchtige Dampfnudeln, Gemütssuppe mit Gerste, Pfann-