Druckschrift 
11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
59
Einzelbild herunterladen
 

Memoiren des Herrn von Schnadelewopski. 59

Dieser Strich bedeutet ein schwarzes Sofa, und daraus passiertedie Geschichte, die ich nicht erzähle. Der Unschuldige muß mit demSchuldigen leiden, und manche gute Seele schaut mich jetzt an miteinem bittenden Blick. Je mm, diesen Besseren will ich im Vertrauengestehen, daß ich noch nie so wild geküßt worden, wie von jenerholländischen Blondine, und daß diese das Vorurteil, welche? ich bishergegen blonde Haare und blaue Augen hegte, aufs siegreichste zerstörthat. Jetzt erst begriff ich, warum ein englischer Dichter solche Damenmit gefrorenem Champagner verglichen hat. In der eisigen Hüllelauert der heißeste Extrakt. Es giebt nichts Pikanteres als der Kon-trast jener äußeren Kälte und der inneren Glut, die bacchantischemporlodert und den glücklichen Zecher unwiderstehlich berauscht. Ja,weit mehr als in Brünetten zehrt der Sinnenbrand in manchenscheinstillen Heiligenbildern mit goldenem Glorienhaar und blauenHimmelsangen und frommen Lilienhändcn. Ich weiß eine Blondineans einein der besten niederländischen Hänser, die zuweilen ihr schönesSchloß am Znhdersee verließ und inkognito nach Amsterdam unddort ins Theater ging, jedem, der ihr gefiel, Apfelsinenschalen aufden Kopf warf, zuweilen gar in Matrosenherbergen die wüsten Nächtezubrachte, eine holländische Messaline.

Als ich ins Theater noch einmal zurückkehrte, kam ich

eben zur letzten Scene des Stücks, wo auf einer hohen Mcerklippedas Weib des fliegenden Holländers, die Frau fliegende Holländerin,verzweiflungsvoll die Hände ringt, während auf dem Meere, auf demVerdeck seines unheimlichen Schiffes, ihr unglücklicher Gemahl zuschauen ist. Er liebt sie und will sie verlassen, um sie nicht ins Ver-derben zu ziehen, und er gesteht ihr sein grauenhaftes Schicksal undden schrecklichen Fluch, der auf ihm lastet. Sie aber ruft mit lauterStimme- Ich war dir treu bis zu dieser Stunde, und ich weiß einsicheres Mittel, wodurch ich dir meine Treue erhalte bis in den Tod!

Bei diesen Worten stürzt sich das treue Weib ins Meer, undnun ist auch die Verwünschung des fliegenden Holländers zu Ende,er ist erlöst, und wir sehen, wie das gespenstische Schiff in den Ab-grund des Meeres versinkt.

Die Moral des Stückes ist für die Frauen, daß sie sich in achtnehmen müssen, keinen fliegenden Holländer zu heiraten- und wirMänner ersehen aus diesem Stücke, wie wir durch die Weiber imgünstigsten Falle zu Grunde gehen.

Knpitrl vm.

Aber nicht bloß in Amsterdam haben die Götter sich gütigst be-müht, mein Vorurteil gegen Blondinen zu zerstören. Auch im übrigenHolland hatte ich daS Glück, meine früheren Irrtümer zu berichtigen.