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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
58
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88 Novellistische Fragmente.

sei tief wie das Meer, »vorauf er herumschwimmt, sein Schiff sei ohneAnker und sein Herz ohne Hoffnung.

Ich glaube, dieses waren ungefähr die Worte, womit der Bräu-tigam schließt. Die Braut betrachtet ihn ernsthaft, und wirft manchmalSeitenblicke nach seinem Konterfei. Es ist, als ob sie sein Geheimniserraten habe, und wenn er nachher fragt: Katharina, willst du mirtreu fein? antwortet sie entschlossen: Treu bis in den Tod.

Bei dieser Stelle, erinnere ich mich, hörte ich lachen, und diesesLachen kam nicht von unten aus der Hölle, sondern von oben, vomParadiese. Als ich hinaufschaute, erblickte ich eine wunderschöne Eva,die mich mit ihren großen blauen Augen verführerisch ansah. IhrArm hing über der Galerie herab, und in der Hand hielt sie einenApfel, oder vielmehr eine Apfelsine. Statt mir aber symbolisch dieHälfte anzubieten, warf sie mir bloß metaphorisch die Schalen aufden Kopf. War es Absicht oder Zufall? Das wollte ich wissen. Ichwar aber, als ich ins Paradies hinaufstieg, um die Bekanntschaftfortzusetzen, nicht wenig befremdet, ein weißes sanftes Mädchen zufinden/eine überaus weiblich weiche Gestalt, nicht schmächtig, aberdoch krystallig zart, ein Bild häuslicher Zucht und beglückender Hold-seligkeit. Nur um die linke Oberlippe zog sich etwas, oder vielmehrringelte sich etwas wie das Schwänzchen einer fortschlüpfendcn Eidechse.Es war ein geheimnisvoller Zug, wie mau ihn just nicht bei denreinen Engeln, aber auch nicht bei häßlichen Teufeln zu finden pflegt.Dieser Zug bedeutete weder das Gute noch das Böse, sondern bloßein schlimmes Wissen; es ist ein Lächeln, welches vergiftet wordenvon jenem Apfel der Erkenntnis, den der Mund genossen. Wenn ichdiesen Zug auf weichen, vollrosigen Mädchenlippen sehe, dann fühleich in den eigenen Lippen ein krampfhaftes Zucken, ein zuckendes Ver-langen, jene Lippen zu küssen; es ist Wahlverwandtschaft.

Ich flüsterte daher dem schönen Mädchen ins Ohr: Juffrow! ichwill deinen Mund küssen.

Bei Gott, Mynheer, das ist ein guter Gedanke! war die Antwort,die hastig und mit entzückendem Wohllaut aus dem Herzen hcrvorklang.

Aber nein — die ganze Geschichte, die ich hier zu erzählen dachte,und wozu der fliegende Holländer nur als Rahmen dienen sollte,will ich jetzt unterdrücken. Ich räche mich dadurch an den Prüden,die dergleichen Geschichten mit Wonne einschlürfen und bis an denNabel, ja noch tiefer, davon entzückt sind, und nachher den Erzählerschelten und in Gesellschaft über ihn die Nase rümpfen und ihn alsunmoralisch verschreien. ES ist eine gute Geschichte, köstlich wie ein-gemachte Ananas, oder wie frischer Kaviar, oder wie Trüffel inBurgunder, und wäre eine angenehme Lektüre nach der Betstunde:aber aus Ranküne, zur Strafe für frühere Unbill, will ich sie unter-drücken. Ich mache daher hier einen langen Gedankenstrich