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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
56
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56 Novellistische Fragmente.

muhme hat mir so viele Wassermärchen erzählt, die jetzt alle wiederin meinem Gedächtnis ausblühten. Ich kannte ganze Stunden langauf dem Verdeck sitzen und an die alten Geschichten denken, undwenn die Wellen murmelten, glaubte ich die Grvßmuhme sprechenzu hören. Wenn ich die Augen schloß, dann sah ich sie wieder leib-haftig vor mir sitzen, mit dem einzigen Zahn in dem Munde, undhastig bewegte sie wieder die Lippen und erzählte die Geschichte vomfliegenden Holländer.

Ich hätte gern die Meernixen gesehen, die auf weißen Klippen sitzenund ihr grünes Haar kämmen; aber ich konnte sie nur singen hören.

Wie angestrengt ich auch manchmal in die klare See Hinabschnute,so konnte ich doch nicht die versunkenen Städte sehen, worin dieMenschen, in allerlei Fischgestalten verwünscht, ein tiefes, wnndertiefesWasserleben führen. Es heißt, die Lachse und alte Rochen sitzendort, wie Damen geputzt, am Fenster und fächern sich und guckenhinab auf die Straße, wo Schellfische in Ratsherrentracht vorbei-schwimmen, wo junge Modeheringe nach ihnen hinauflorgnieren, undIvo Krabben, Hummer und sonstig niedriges Krebsvolk umherwimmelt.Ich habe aber nicht so tief hinabsehen können, und nur die Glockenhörte ich unten läuten.

In der Nacht sah ich mal ein großes Schiff mit ausgespanntenblutroten Segeln vorbeifahren, daß es aussah wie ein dunkler Riesein einem weiten Scharlachmantel. War das der fliegende Holländer?

In Amsterdam aber, wo ich bald darauf anlangte, sah ich ihnleibhaftig selbst, den grauenhaften Mynhccr, und zwar auf der Bühne.Bei dieser Gelegenheit, im Theater zu Amsterdam, lernte ich aucheine von jenen Nixen kennen, die ich auf dem Meere selbst ver-geblich gesucht. Ich will ihr, weil sie gar so lieblich war, ein be-sonderes Kapitel weihen.

Kapitel VII.

Die Fabel von dem fliegenden Holländer ist euch gewiß bekannt.Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in denHasen gelangen kann, und schon seit undenklicher Zeit auf dem Meereherumfährt. Begegnet es einem andern Fahrzeuge, so kommen einigevon der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangcfähren undbitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese muß manan den Maslbanm festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Un-glück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen amFockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert,die man gar nicht kennt, oder die längst verstorben, so daß zuweilender späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seineUrgroßmutter gerichtet, die schon seit hundert Jahren im Grabe liegt.