Dcr Rabbi von Bacharach. 35
der Rabbi — „du bist weit schlimmer als ein Christ, du bist einHeide, ein Götzendiener . .
„Ja, ich bin ein Heide, und ebenso zuwider wie die dürren,freudlosen Hebräer sind mir die trüben, qualsüchtigen Nazarener.Unsere liebe Frau von Sidon, die heilige Astarte, mag es mir ver-zeihen, daß ich vor der schmerzenreichen Mutter des Gekreuzigtenniederknie und bete. . . Nur mein Knie und ineine Zunge huldigtdem Tode, mein Herz blieb treu dem Leben! . . ."
„Aber schau nicht so sauer," fuhr der Spanier fort in seinerRede, als er sah, wie wenig dieselbe den Rabbi zu erbauen schien —„schau mich nicht an mit Abscheu. Meine Nase ist nicht abtrünniggeworden. Als mich einst der Zufall um Mittagszeit in diese Straßeführte, und aus den Küchen der Juden mir die wohlbekcmnten Düftein die Nase stiegen, da erfaßte mich jene Sehnsucht, die unsere Väterempfanden, als sie zurückdachten an die Fleischtöpfe Ägyptens; wohl-schmeckende Jugenderinncruugen stiegen in mir auf; ich sah wiederim Geiste die Karpfen mit brauner Rosinensauce, die meine Tantefür den Freitagabend so erbaulich zu bereiten wußte; ich sah wiederdas gedämpfte Hammelfleisch mit Knoblauch und Meerrettich, womitman die Toten erwecken kann, und die Suppe mit schwärmerischschwimmenden Klößchen . . . und meine Seele schmolz, wie die Töneeiner verliebten Nachtigall, und seitdem esse ich in der Garküchemeiner Freundin Donna Schnapper-Elle!"
Diese Garküche hatte man unterdessen erreicht; Schnapper-Elleselbst stand an der Thüre ihres Hauses, die Mcßfremden, die sichhungrig hineindrängten, freundlich begrüßend. Hinter ihr, den Kopfüber ihre Schulter hinauslehnend, stand der lange Nasenstern undmusterte neugierig ängstlich die Ankömmlinge. Mit übertriebenerGrandezza nahte sich Don Isaak unserer Gastwirtin, die seine schalk-haft tiefen Verbeugungen mit unendlichen Knixen erwiderte; daraufzog er den Handschuh ab von seiner rechten Hand, umwickelte sie mitdem Zipfel seines Mantels, ergriff damit die Hand der Schnapper-Elle,strich sie langsam über die Haare seines Stutzbartes und sprach:
„Sennora! Eure Augen wetteifern mit den Gluten der Sonne!Aber obgleich die Eier, je länger sie gekocht werden, sich desto mehrverhärten, so wird dennoch mein Herz nur um so weicher, je längeres von den Flammenstrahlen Eurer Augen gekocht wird! Aus deinDotter meines Herzens flattert hervor der geflügelte Gott Amor undsucht ein trauliches Nestchen in Eurem Busen . . . Diesen Busen,Sennora, womit soll ich ihn vergleichen? Es giebt in der weitenSchöpfung keine Blume, keine Frucht, die ihm ähnlich wäre! DiesesGewächs ist einzig in seiner Art. Obgleich der Sturm die zartestenRöslein entblättert, so ist doch Euer Busen eine Wintcrrvse, die allenWinden trotzt! Obgleich die saure Citrone, je mehr sie altert, nur
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