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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Der Rabbi von Bacharach. 81

eifrigst ihre Dienste anboten, die letztere, indem sie sich nochmals beiihr erkundigte, weshalb sie so plötzlich ohnmächtig geworden.

Die Ohnmacht der schönen Sara hatte aber eine ganz besondereUrsache. Es ist nämlich Gebrauch in der Synagoge, daß jemand,welcher einer großen Gefahr entronnen, nach der Vorlesung der Ge-setzabschnitte hervortritt und der göttlichen Vorsicht für seine Rettungdankt. Als nun Rabbi Abraham zu solcher Danksagung unten inder Synagoge sich erhob und die schöne Sara die Stimme ihresMannes erkannte, merkte sie, wie der Ton derselben allmählich indas trübe Gemurmel des Totengebetes überging, sie hörte die Namenihrer Lieben und Verwandten, und zwar begleitet von jenem segnen-den Beiwort, das man den Verstorbenen erteilt; und die letzte Hoff-nung schwand aus der Seele der schönen Sara, und ihre Seele wardzerrissen von der Gewißheit, daß ihre Lieben und Verwandte wirklichermordet worden, daß ihre kleine Nichte tot sei, daß auch ihre Väs-chen, Blümchen und Vögclchen, tot seien, auch der kleine Gottschalktot sei, alle ermordet und tot! Bon dem Schmerze dieses Bewußt-seins wäre sie schier selber gestorben, hätte sich nicht eine wvhlthätigeOhnmacht über ihre Sinne ergossen.

Kapitel Iii.

Als die schöne Sara nach beendigtem Gottesdienste in den Hofder Synagoge hinabstieg, stand dort der Rabbi, harrend seines Weibes.Er nickte ihr mit heiterem Antlitz und geleitete sie hinaus auf dieStraße, wo die frühere Stille ganz verschwunden und ein lärmigesMcuschengcwimmcl zu schauen war. Bärtige Schwarzröcke, wie Ameisen-haufen; Weiber, glanzrcich hinflatternd, wie Goldkäfer; neugekleideteKnaben, die den Alten die Gebetbücher nachtrugen; junge Mädchen,die, weil sie nicht in die Synagoge gehen dürfen, jetzt aus den Häusernihren Eltern entgegen hüpfen, vor ihnen die Lockenköpfchen beugen,um den Segen zu empfangen — alle heiter und freudig, und dieGasse auf und ab spazierend im seligen Vorgefühl eines guten Mittag-mahls, dessen lieblicher Duft schon mundwässernd hervorstieg aus deuschwarzen, mit Kreide bezeichneten Töpfen, die eben von deu lachendenMägden aus dem großen Gemeinde-Ofen geholt worden.

In diesem Gewirre war besonders bemerkbar die Gestalt einesspanischen Ritters, auf dessen jugendlichen Gesichtszügen jene reizendeBlässe lag, welche die Frauen gewöhnlich einer unglücklichen Liebe,die Männer hingegen einer glücklichen zuschreiben. Sein Gang, ob-gleich gleichgültig hinschlendernd, halte dennoch eine etwas gesuchteZierlichkeit; die Federn seines Barettes bewegten sich mehr durch dasvornehme Wiegen des Hauptes als durch das Wehen des Windes;mehr als eben notwendig klirrten seine goldenen Sporen und das