8l) Novellistische Fragmente.
aufzuräumen und das Küchengeschirr zu scheuern, was vor dem Pascha-feste geschehen muß, damit kein einziges Brosämchen der gesäuertenBrote daran kleben bleibe. Auch von der Mühseligkeit beim Backender ungesäuerten Brote sprachen die beiden Fronen. Die Fläschhatte noch besondere Beklagnisse; im Backhause der Gemeinde mußtesie viel Ärger erleiden, nach der Entscheidung des Loses konnte siedort erst in den letzten Tagen, am Borabend des Festes, und erstspät nachmittags zum Backen gelangen, die alte Hanne hatte denTeig schlecht geknetet, die Mägde rollten mit ihren Wergelhölzern denTeig viel zu dünn, die Hälfte der Brote verbrannte im Ofen, undaußerdem regnete es so stark, daß es durch das bretterne Dach desBackhauses beständig tröpfelte, und sie mußten sich dort, naß undmüde, bis tief in die Nacht abarbeiten.
„Und daran, liebe Flörsheim" — setzte die Fläsch hinzu miteiner schonenden Freundlichkeit, die keineswegs echt war — „daranwaren Sie auch ein bißchen schuld, weil Sie mir nicht Ihre Leutezur Hilfeleistung beim Backen geschickt haben."
„Ach, Verzeihung" — erwiderte die andere — „meine Leutewaren zu sehr beschäftigt, die Meßwaren müssen verpackt werden, wirhaben jetzt so viel zu thun, mein Mann . . ."
„Ich weiß," — siel ihr die Fläsch mit schneidend hastigem Tonein die Rede — „ich weiß, ihr habt viel zu thun, viel Pfänder undgute Geschäfte, und Halsketten . . ."
Eben wollte ein giftiges Wort den Lippen der Sprecherin ent-gleiten, und die Flörsheim ward schon rot wie ein Krebs, als plötz-lich Hündchen Reiß laut aufkreischte: „Um Gottes willen, die fremdeFrau liegt und stirbt. . . Wasser! Wasser!"
Die schöne Sara lag in Ohnmacht, blaß wie der Tod, und umsie herum drängte sich ein Schwärm von Weibern, geschäftig undjammernd. Die eine hielt ihr den Kopf, eine zweite hielt ihr denArm; einige alte Frauen bespritzten sie mit den Wasserglttschen, diehinter ihren Betpulten hängen zum BeHufe des Händewnschens, imFall sie zufällig ihren eigenen Leib berührten: andere hielten unterdie Nase der Ohnmächtigen eine alte Citrvne, die, mit Gewürznägel-chcn durchstochen, noch vom letzten Fasttage herrührte, wo sie zumnervenstärkenden Anriechen diente. Ermattet und tief seufzend schlugendlich die schöne Sara die Augen auf, und mit stummen Blickendankte sie für die gütige Sorgfalt. Doch jetzt ward unten das Acht-zehngebet, welches niemand versäumen darf, feierlich angestimmt, unddie geschäftigen Weiber eilten zurück nach ihren Plätzen, und ver-richteten jenes Gebet, wie es geschehen muß, stehend und das Gesichtgewendet gegen Morgen, welches die Himmelsgegend, wo Jerusalemliegt. Vögele Ochs, Schnapper-Elle und Hündchen Reiß verweiltenam längsten bei der schönen Sara; die beiden ersteren, indem sie ihr