Der Rabbi von Bacharach. 2g
Das ist schon das dritte Mal, daß du mich heute aus dem Schlafeweckst, Nasenstern! Mach mich nicht rasend! Wenn ich rase, werdeich wie der leibhaftige Satanas, nnd dann, so wahr ich ein Christbin, dann schieße ich mit der Büchse durch die Gitterluke des Theres,nnd dann hüte jeder seine Nase!"
„Schieß nicht! schieß nicht! ich bin ein einzelner Mensch" —wimmerte angstvoll der Nasenstern und drückte sein Gesicht fest andie nächste Mauer, und in dieser Stellung verharrte er zitternd undleise betend.
„Sagt, sagt, was ist passiert?" — rief jetzt auch Jäkel der Narrmit all jener hastigen Neugier, die schon damals den FrankfurterJuden eigentümlich war.
Der Rabbi aber riß sich von ihm los und ging mit seinemWe i be weiter die Jndengasse hinauf; „Sieh, schöne Sara," — spracher seufzend — „wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freundehüten seine Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narr-heit und Furcht!"
Langsam wanderten die beiden durch die lange, leere Straße,wo nur hier und da ein blühender Mädchenkopf zum Fenster hinaus-guckte, während sich die Sonne in den blanken Scheiben festlich heiterbespiegelte. Damals nämlich waren die Häuser des Judenviertelsnoch neu uud nett, auch niedriger wie jetzt, indem erst späterhin dieInden sich sehr vermehrten und doch ihr Quartier nicht erweiterndurften, dort immer ein Stockwerk über das andere bauten, sardellen-artig zusammenrückten nnd dadurch an Leib und Seele verkrüppelten.Der Teil des Judeuqnartiers, der nach dem großen Brande stehengeblieben und den man die alte Gasse nennt, jene hohen schwarzenHäuser, Ivo ein grinsendes, feuchtes Volk nmherschnchert, ist einschauderhaftes Denkmal des Mittelalters. Die ältere Synagoge existiertnicht mehr; sie war minder geräumig als die jetzige, die später er-baut wurde, nachdem die Nürnberger Vertriebenen in die Gemeindeaufgenommen worden. Sie lag nördlicher. Der Rabbi brauchte ihreLage nicht erst zu erfragen. Schon aus der Ferne vernahm er dievielen verworrenen und überaus lauten Stimmen. Im Hofe desGotteshauses trennte er sich von seinem Weibe. Nachdem er an demBrunnen, der dort steht, seine Hände gewaschen, trat er in jenenunteren Teil der Synagoge, wo die Männer beten; die schöne Sarahingegen erstieg eine Treppe und gelangte oben nach der Abteilungder Weiber.
Diese obere Abteilung war eine Art Galerie mit drei Reihenhölzerner, braunrot angestrichener Sitze, deren Lehne oben mit einemhängenden Brette versehen war, das°, um das Gebetbuch darauf zulegen, sehr bequem aufgeklappt werden konnte. Die Frauen saßenhier schwatzend nebeneinander, oder standen aufrecht, inbrünstig betend;