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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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26 Novellistische Fragmente.

manchmal auch traten sie neugierig an das große Gitter, das sichlängs an der Morgenseite hinzog, und durch dessen dünne grüneLatten man hinabschauen konnte in die untere Abteilung der Syna-goge. Dort, hinter hohen Betpulten, standen die Männer in ihrenschwarzen Mänteln, die spitzen Bärte herabschießend über die weißenHalskrausen und die plattbedeckten Köpfe mehr oder minder verhülltvon einem viereckigen, mit den gesetzlichen Schanfäden versehenenTuche, das aus weißer Wolle oder Seide bestand, mitunter auch mitgoldenen Tressen geschmückt war. Die Wände der Synagoge warenganz einförmig geweißt, und man sah dort keine andere Zierat alsetwa daS vergoldete Eisengitter um die viereckige Bühne, wo dieGesetzabschnitte verlesen werden, und die heilige Lade, ein kostbar ge-arbeiteter Kasten, scheinbar getragen von marmornen Säulen nntüppigen Kapitälern, deren Blumen- oder Laubwerk gar lieblich empor-rankte, und bedeckt mit einem Borhang von kornblanem Samt, woraufmit Goldflittern, Perlen und bunten Steinen eine fromme Inschriftgestickt war. Hier hing die silberne Gedächtnis-Ampel und erhob sichebenfalls eine vergitterte Bühne, ans deren Geländer sich allerleiheilige Geräte befanden, unter andern der sicbcnarmige Tempel-Leuchterund vor demselben, das Antlitz gegen die Lade, stand der Vorsänger,dessen Gesang instrumentenartig begleitet wurde von den Stimmenseiner beiden Gehilfen, des Bassisten und des Diskantsängers. DieJuden haben nämlich alle wirkliche Instrumentalmusik aus ihrerKirche verbannt, wähnend, daß der Lvbgcsang Gottes erbaulicher auf-steige aus der warmen Menschenbrust, als aus kalten Orgelpfeifen.Recht kindlich freute sich die schöne Sara, als jetzt der Vorsänger, eintrefflicher Tenor, seine Stimme erhob, und die uralten, ernstenMelodien, die sie so gut kannte, in noch nie geahnter junger Lieb-lichkeit aufblühten, während der Bassist zum Gegensätze die tiefen,dunkeln Töne hincinbrummte, und in den Zwischenpausen der Dis-kautsänger fein und süß trillerte. Solchen Gesaug hatte die schöneSara in der Synagoge zu Bacharach niemals gehört, denn der Ge-meindevorsteher, David Levi, machte dort den Vorsänger, und wenndieser schon bejahrte zitternde Mann mit seiner zerbröckelten, meckern-den Stimme wie ein junges Mädchen trillern wollte, und in solchgewaltsamer Anstrengung seinen schlaff herabhängenden Arm fieberhaftschüttelte, so reizte dergleichen wohl mehr zum Lachen als zur Andacht.

Ein frommes Behagen, gemischt mit weiblicher Neugier, zog dieschöne Sara ans Gitter, wo sie hinabschauen konnte in die untereAbteilung, die sogenannte Männerschule. Sie hatte noch nie eine sogroße Anzahl Glaubensgenossen gesehen, wie sie da unten erblickte,nud es ward ihr noch heimlich wvhlcr ums Herz in der Mitte sovieler Menschen, die ihr so nahe verwandt durch gemeinschaftliche Ab-stammung, Denkweise und Leiden. Aber noch viel bewegter wurde