16 Novellistische Fragmente.
mit dem Ausladen von Kisten, Ballen und Fässern, die auf kleinerenFahrzeugen ans Land gebracht wurden, wobei ein betäubender Lärm,das beständige Hallorufen der Barkenführer, das Geschrei der Kauf-leute vom Ufer her und das Keifen der Zöllner, die in ihren rotenRöcken mit weißen Stäbchen und weißen Gesichtern von Schiff zuSchiff hüpften.
„Ja, schöne Sara" — sagte der Rabbi zu seiner Frau, heiterlächelnd — „das ist hier die weltberühmte freie Reichs- und Handels-stadt Frankfurt am Main, und das ist eben der Mainfluß, woraufwir jetzt fahren. Da drüben die lächelnden Häuser, umgeben vongrünen Hügeln, das ist das Sachssnhausen, woher uns der lahmeGumpertz zur Zeit des Laubhüttenfestes die schonen Myrrhen holt.Hier siehst du auch die starke Mainbrücke mit ihren dreizehn Bogen,und gar viel Volk, Wagen und Pferde, geht sicher darüber hin, undin der Mitte steht das HäuSchen, wovon die Mühmele Tttubchen er-zählt hat, daß ein getaufter Jude darin wohnt, der jedem, der ihmeine tote Ratte bringt, sechs Heller auszahlt für Rechnung der jüdischenGemeinde, die dem Stadtrate jährlich fünftausend Rattenschwänzeabliefern soll!"
Über diesen Krieg, den die Frankfurter Juden mit den Rattenzu führen haben, mußte die schöne Sara laut lachen; das klareSonnenlicht und die neue bunte Welt, die vor ihr auftauchte, hattealles Grauen und Entsetzen der vorigen Nacht aus ihrer Seele ver-scheucht, und als sie aus dem landenden Kahne von ihrem Manneund dem stummen Wilhelm aufs Ufer gehoben worden, fühlte sie sichwie durchdrungen von freudiger Sicherheit. Der stumme Wilhelmmit seinen schönen, tiefblauen Augen sah ihr lauge ins Gesicht, halbschmerzlich, halb heiter, dann warf er noch einen bedeutenden Blicknach dem Rabbi, sprang zurück in seinen Kahn, und bald war erdamit verschwunden.
„Der stumme Wilhelm hat doch viele Ähnlichkeit mit meinemverstorbenen Bruder," bemerkte die schöne Sara. „Die Engel sehensich alle ähnlich," erwiderte leichthin der Rabbi, und sein Weib beider Hand ergreifend, führte er sie durch das Menschengewimmel desUfers, wo jetzt, weil es die Zeit der Ostermesse, eine Menge hölzernerKrambnden aufgebaut standen. Als sie durch das dunkle Mainthorin die Stadt gelangten, fanden sie nicht minder lärmigen Verkehr.Hier in einer engen Straße erhob sich ein Kaufmannsladen nebendem andern, und die Häuser, wie überall in Frankfurt, waren ganzbesonders zum Handel eingerichtet: im Erdgeschosse keine Fenster,sondern lauter offene Bogenthüren, so daß man tief hineinschauenund jeder Vorübergehende die ausgestellten Waren deutlich betrachtenkonnte. Wie staunte die schöne Sara ob der Masse kostbarer Sachenund ihrer nie gesehenen Pracht! Da standen Benetianer, die allen