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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Der Rabbi van Bacharach. IL

wie ein hastiges Schattenspiel; die Bilder vermischte» sich auch wunder-lich, und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtigeGesichter und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattmerk. Eswar auch, als murmelte der Rhein die Melodien der Agade, und dieBilder derselben stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolleBilder: der Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzcngestalten,die sich immer hastig wieder voll selbst zusammensetzen; der Mizriwehrt sich furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinaiblitzt und stammt; der König Pharao schwimmt im Roten Meere,mit den Zähnen im Manle die zackige Goldkrone festhaltend; Fröschemit Menschenantlitz schwimmen hintendrein, und die Wellen schäumenund brausen, und eine dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor.

Das war Hattos Mäuscturm, und der Kahn schoß eben durchden Bingcr Strudel. Die schöne Sara ward dadurch etwas ansihren Träumereien gerüttelt, und schaute nach den Bergen des »ferS,auf deren Spitz?» die Schlußlichter flimmerten, und an deren Fußdie mondbelcuchtetcu Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubtesie dort ihre Frenude und Verwandte zu sehen, wie sie mit Leichen-gcsichtcrn und in wcißwallcnden Totenhemden schreckcuhastig vorüber-liefen , den Rhein entlang... es ward ihr schwarz vor den Augen,ein Etsstrom ergoß sich in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sienur noch, daß ihr der Rabbi das Nachtgebet vorbetete, langsam ängst-lich, wie es bei todkranken Leuten geschieht, und träumerisch stammeltesie noch die Worte: „Zehntausend zur Rechten, zehntausend zur Linken;den König zu schützen vor nächtlichem Granen . . ."

Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen,der düstere Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sichoben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Thoren;in goldener Pracht leuchtete der Tempel; auf dem Vvrhofe desselbenerblickte die schöne Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlaf-rvct und vergnügt mit den Augen lachend; ans den runden Tempel-feusteru grüßten fröhlich alle ihre Freunde und Verwandte; im Aller-heiligsten kniete der fromme König David mit Purpurmantcl undfunkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Saitenspicl— und selig lächelnd entschlief die schöne Sara.

Kapitel Ii.

Als die schöne Sara die Augen aufschlug, ward sie fast geblendetvon den Strahlen der Sonne. Die hohen Türme einer großen Stadterhoben sich, und der stumme Wilhelm stand mit der Hakcnstangeausrecht im Kahne und leitete denselben durch das lustige Gewühlvieler bnutbcwimpcltcn Schiffe, deren Mannschaft entweder müßighinabschaute aus die Vorbeifahrenden, oder, viclhändig beschäftigt mar