Der Rabbi von Bacharach. 13
Nachbarin des Rabbi, den Fischfang trieb und hier seinen Kahn an-gelegt hatte. Es war aber, als erriete er schon gleich die Absicht desRabbi, ja es schien, als habe er eben auf ihn gewartet; um seinegeschlossenen Lippen zog sich daS lieblichste Mitleid, bedcutnngstiefruhten seine großen binnen Augen auf der schonen Sara, und sorg-sam trug er sie in den Kahn.
Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrerBetäubung, sie fühlte auf einmal, daß alles, was ihr Mann ihr er-zählte, kein bloßer Traum sei, und Strome bitterer Thränen ergossensich über ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. Da saßsie nun in der Mitte deS Kahns, ein weinendes Marmorbild; nebenihr saßen ihr Mann und der stille Wilhelm, welche emsig ruderten.
Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch dasSchaukeln des Fahrzeugs, oder durch den Dust jener Bergesufer,worauf die Freude wächst, immer geschieht es, daß auch der Betrübtesteseltsam beruhigt wird, wenn er in der Frühlingsnacht in einemleichten Kahne leicht dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstrvm.Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kann's nicht leiden, wennseine Kinder weinen; thränenstillend wiegt er sie auf seinen treuenArmen, und erzählt ihnen seine schönsten Märchen, und versprichtihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenenNibelungenhort. Auch die Thränen der schönen Sara flössen immermilder und milder, ihre gewaltigsten Schmerzen wurden fortgcspültvon den flüsternden Wellen, die Nacht verlor ihr finsteres Grauen,und die heimatlichen Berge grüßten wie zum zärtlichsten Lebewohl.Bor allen aber grüßte tranlich ihr Licblingsbcrg, der Kedrich, undin seiner seltsamen Mondbcleuchtung schien es, als stände wieder obenein Fräulein mit ängstlich ausgestreckten Armen, als kröchen dieflinken Zwerglein wimmelnd aus ihren Felsenspalten, und als kämeein Reiter den Berg hinaufgesprengt in vollem Galopp; und derschönen Sara war zu Mute, als sei sie wieder ein kleines Mädchenund süße wieder auf dem Schöße ihrer Muhme aus Lorch, und dieseerzähle ihr die hübsche Geschichte von dein kecken Reiter, der das arme,von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und noch andere wahreGeschichten, vom wunderlichen WiSperthale drüben, wo die Vögel ganzvernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchcnland, wohin die folgsamenKinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen, singendenBäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden Nixen ...Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und leuchtendzu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres Vaters,der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde so vielThvrheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam's ihr vor, als setzteman sie auf das kleine Bänkcheu vor dein Samtsessel ihres Vaters,der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt mit