12 Novellistische Fragmente.
Manne blindlings und fragenloS zu gehorchen, vielleicht auch weilihre Lippen vor innerer Angst verschlossen waren.
Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wojetzt das Dörfchen Niedcrrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte,die bogenartig über das Rheinufer hinauShängt. Diese erstieg RabbiAbraham mit seinem Weibe, schaute sich rem nach allen Seiten, undstarrte hinauf nach den Sternen. Zitternd und von Todesängstendnrchfröstelt stand neben ihm die schöne Sara und betrachtete seinblasses Gesicht, das der Mond gespenstisch beleuchtete, und woraus eshin und her zuckte wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wut. Alsaber der Rabbi plötzlich das silberne Waschbecken ihr aus der Handriß und es schollernd hinabwarf in den Rhein, da konnte sie daSgranscnhafte Angstgefühl nicht länger ertragen, und mit dem Ausrufe„Schaden voller Genade!" stürzte sie zu den Füßen des Mannes undbeschwor ihn, das dunkle Rätsel endlich zu enthüllen.
Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals laut-los die Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des TodeS?Dort unten schwebt er über Bacharach! Wir aber sind seinem Schwerteentronnen. Gelobt sei der Herr!" Und mit einer Stimme, die nochvor innerem Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemut die Agadehinsingend und angelehnt saß, und zufällig unter den Tisch schaute,habe er dort zu seinen Füßen den blutigen Leichnam eines Kindeserblickt. „Da merkte ich" — setzte der Rabbi hinzu — „daß unserezwei späte Gäste nicht von der Gemeinde Israels waren, sondernvon der Versammlung der Gottlosen, die sich beraten hatten, jenenLeichnam heimlich in unser Hans zu schaffen, um uns des Kinder-mvrdes zu beschuldigen und das Volk aufzureizen, uns zu plündernund zu ermorden. Ich durfte nicht merken lassen, daß ich das Werkder Finsternis durchschaut; ich hätte dadurch nur mein Verderbenbeschleunigt, und nur die List hat uns beide gerettet. Gelobt seider Herr! Ängstige dich nicht, schöne Sara; auch unsere Freundeund Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blutelechzten die Ruchlosen; ich bin ihnen entronnen, und sie begnügensich mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir, schöne Sara,nach einem andern Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen,und damit uns das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das letztemeiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen. DerGott unserer Väter wird uns nicht verlassen. — Komm herab, dubist müde; dort unten steht bei seinem Kahne der stille Wilhelm; erfährt uns den Rhein hinaus."
Lautlos und wie mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sarain die Arme des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinabnach dem Ufer. Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aberbildschöner Knabe, der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer