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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Dcr Rabbi von Bacharach. g

Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, undmit seinen Anverwandten, Schülern nnd übrigen Gästen beging erdie Abcndfeier des Paschafcstes, Im Saale war alles mehr als ge-wöhnlich blank; über den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke,deren Goldfranzen bis ans die Erde hingen; traulich schimmerten dieTellerchen mit den symbolischen Speisen, sowie auch die hohen wcin-gefüllten Becher, woran als Zierat lauter heilige Geschichten von ge-triebener Arbeit; die Männer saßen in ihren Schwarzmänteln undschwarzen Platthüten und weißen Halsbergen; die Frauen, in ihrenwunderlich glitzernden Kleidern von lombardischen Stoffen, trugenum Haupt und Hals ihr Gold- und Perlengcschmcide; und die silberneSabbathlnmpe goß ihr festliches Licht über die andächtig vergnügtenGesichter der Alten und Jungen. Ans den purpurnen Samtkisseneine? mehr als die übrigen erhabenen Sessels nnd angelehnt, wie esdcr Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las und sang die Agade,nnd dcr bunte Chor stimmte ein oder antwortete bei den vorgeschrie-benen Stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein schwarzes Festkleid,seine cdelgeformtcn, etwas strengen Züge waren milder denn ge-wöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen Barte, alswenn sie viel Holdes erzählen wollten, nnd in seinen Augen schwammes wie selige Erinnerung nnd Ahnung. Die schöne Sara, die anseinem ebenfalls erhabenen Samtsessel an seiner Seite saß, trug alsWirtin nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloßihren schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz warrührend schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen voneigentümlich rührender Art ist; das Bewußtsein des tiefen Elends,der bitteren Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihreVerwandten und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichts-züge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst,die unsere Herzen sonderbar bezaubern. So saß heute die schöneSara und sah beständig nach den Augen ihreS Mannes; dann undwann schaute sie auch nach der vor ihr liegenden Agade, dem hübschenin Gold und Samt gebundenen Pcrgamcntbnche, einem alten Erb-stück mit verjährten Weinflcckcn ans den Zeiten ihres Großvaters,nnd worin so viele keck und bunt gemalte Bilder, die sie schon alskleines Mädchen am Pascha-Abend so gern betrachtete, nnd die allerleibiblische Geschichten darstellten, als da sind: wie Abraham die steinernenGötzen seines Vaters mit dem Hammer entzwei klopft, wie die Engelzu ihm kommen, wie Moses den Mizri totschlägt, wie Pharao prächtigauf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche sogar bei Tische keineRuhe lassen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israelvorsichtig durch das Rote Meer gehen, wie sie offenen Maules mitihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge Sinai stehen, dannauch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie